Warum Quallen so interessant sein können - Langfassung
Ein Artikel über Ablenkung, Hyperfokus und das Zusammentreffen von ADHS und Autismus
von Stefan Lukas – 14.08.2026 - Lesezeit: 15min - Bilder KI-generiert
Apropos Ablenkung und Fokus : Es gibt auch eine Kurzfassung (Lesezeit 6-7min) für alle Ungeduldigen …
Viel Spass beim Lesen.
Einleitung: Das Phänomen der faszinierenden Quallen
Sie sitzen vor einer wichtigen Buchhaltungsaufgabe. Die Zahlenkolonnen verschwimmen. Plötzlich fällt Ihnen ein: Wie atmen Quallen eigentlich? Sie öffnen einen Browser-Tab, geben die Frage ein – und drei Stunden später wissen Sie alles über die Fortpflanzung von Würfelquallen, aber die Buchhaltung ist immer noch unerledigt.
Dieses Szenario ist vielen Menschen mit ADHS oder einer Kombination aus ADHS und Autismus (oft als AuDHS bezeichnet) bestens bekannt. Es ist kein Zeichen von Faulheit oder mangelnder Disziplin. Es ist das Ergebnis faszinierender neurobiologischer Prozesse, die in Ihrem Gehirn ablaufen. Dieser Artikel erklärt, warum das passiert – und wie Sie diese Dynamik verstehen und für sich nutzen können.
Die Neurobiologie der Ablenkung: Warum Dopamin die Aufmerksamkeit lenkt
Im Zentrum des Aufmerksamkeitsgeschehens bei ADHS steht der Botenstoff Dopamin. Menschen mit ADHS haben oft niedrigere Dopaminspiegel im Gehirn. Dopamin ist nicht nur für Glücksgefühle zuständig – es ist der zentrale Motor für Motivation, Belohnungserleben und die Steuerung der Aufmerksamkeit.
Wenn Sie sich mit Quallen beschäftigen, passiert Folgendes: Das Thema ist neu, unerwartet und weckt Ihre Neugier. Diese Eigenschaften führen zu einem Anstieg der Dopamin-Aktivität in Ihrem Gehirn. Die Aufmerksamkeitsnetzwerke werden vollständig aktiviert, und Sie geraten in einen Zustand intensiver Konzentration.
Die Alternative – die Buchhaltung – bietet diesen unmittelbaren Dopamin-Kick nicht. Die Belohnung (erledigte Buchhaltung) liegt in der Zukunft, während das Gehirn auf sofortige Befriedigung programmiert ist. Dieses Phänomen wird in der Forschung als "Delay Discounting" bezeichnet: Die Belohnung wird zwar als wertvoll erkannt, aber weil sie zu weit weg ist, fällt es schwer, sich dafür zu motivieren.
Wissenschaftler beschreiben das ADHS-Gehirn daher als "interessenbasiertes Nervensystem" (interest-based nervous system). Die Aufmerksamkeit wird weniger von Wichtigkeit oder Deadlines gesteuert, sondern vielmehr von emotionalem oder sensorischem Engagement.
Hyperfokus: Die andere Seite der Aufmerksamkeit
Wenn Sie stundenlang über Quallen recherchieren, erleben Sie vermutlich einen Zustand, der in der Fachwelt als Hyperfokus bezeichnet wird. Hyperfokus bedeutet eine intensive, oft stundenlange Versenkung in eine Tätigkeit, bei der das Zeitgefühl verloren geht und die Umgebung ausgeblendet wird.
Typische Merkmale sind:
- Sie verlieren das Zeitgefühl ("Zeitblindheit")
- Sie vergessen zu essen, zu trinken oder auf die Toilette zu gehen
- Unterbrechungen lösen Gereiztheit aus
- Sie fühlen sich in einem "Flow"-Zustand
Interessanterweise ist Hyperfokus nicht einfach "Ablenkung". Er hat mit der Funktionsweise des sogenannten Default Mode Network (DMN) zu tun – einem Netzwerk von Gehirnregionen, das aktiv ist, wenn wir in Gedanken abschweifen. Bei Menschen mit ADHS ist das DMN oft überaktiv, was zu Ablenkbarkeit beiträgt. Während des Hyperfokus kann dieses Netzwerk jedoch unterdrückt werden, was die intensive Konzentration ermöglicht.
Autismus und ADHS: Eine besondere Dynamik
Bei Menschen, die sowohl autistische Merkmale als auch ADHS aufweisen (AuDHS), gewinnt die Sache noch eine weitere Dimension. Lange Zeit gingen Fachleute davon aus, dass sich Autismus und ADHS gegenseitig ausschließen – heute weiß man, dass sie häufig gemeinsam auftreten. Studien zeigen, dass 30-80% der autistischen Menschen auch die Kriterien für ADHS erfüllen, und umgekehrt 20-50% der Menschen mit ADHS ebenfalls autistische Merkmale aufweisen.
Diese Kombination erzeugt ein besonderes Profil mit scheinbaren Widersprüchen:
- Starkes Bedürfnis nach Struktur UND Impulsivität
- Intensive Fokussierung UND ausgeprägte Ablenkbarkeit
- Detailorientierung UND Schwierigkeiten, Ordnung zu halten
Das Konzept des Monotropismus hilft, diese Dynamik zu verstehen. Monotropismus bedeutet die Tendenz, sich tief in einen engen Kanal zu verankern – ein typisches autistisches Merkmal. Bei AuDHS kann dies zu einer besonderen Form des Hyperfokus führen, der wie folgt aussieht: Die autistische Seite sorgt für die tiefe Verankerung in einem Interessensgebiet, während die ADHS-typische Suche nach Neuheit dafür sorgt, dass innerhalb dieses Interessensgebiets von einem Teilaspekt zum nächsten gewechselt wird.
Die defensive Monotropie: Wenn Hyperfokus zur Vermeidungsstrategie wird
Ein besonders wichtiges Phänomen für das Verständnis von Prokrastination bei AuDHS ist die sogenannte defensive Monotropie.
Stellen Sie sich vor: Sie sind überwältigt von den vielen halberledigten Aufgaben, den ungeöffneten E-Mails, den anstehenden Verpflichtungen. Diese Überforderung ist unangenehm – sie erzeugt Stress, Unruhe und das Gefühl des Versagens. Um diesem Gefühl zu entkommen, tauchen Sie in etwas ein, das tief und intensiv genug ist, um die quälenden Gedanken auszublenden. Sie recherchieren über Quallen.
Das Problem: Sie erledigen damit keine der überfordernden Aufgaben. Im Gegenteil – während Sie tief in Ihrer Fokusblase sind, kommen neue Aufgaben hinzu, E-Mails häufen sich, und die To-Do-Liste wird länger. Wenn Sie dann aus dem Hyperfokus zurückkehren, ist die Überforderung noch größer. Also tauchen Sie wieder ab.
Außenstehende sehen in dieser Verhaltensweise oft "Beeindruckendes" – jemand, der sich stundenlang konzentriert und großartige Arbeit leistet. Tatsächlich handelt es sich um eine Form der Aufmerksamkeitsdysregulation, bei der der Hyperfokus zur Vermeidungsstrategie wird. Die treffende Beschreibung dieser Dynamik macht deutlich: "Außen sieht es aus wie Selbstdisziplin, aber eigentlich ist es Vermeidung."
Strategien für einen gesünderen Umgang mit Ablenkung und Hyperfokus
Die gute Nachricht: Sie können lernen, diese Dynamik zu verstehen und positiv zu gestalten. Hier sind wissenschaftlich fundierte Strategien:
1. Hyperfokus als Werkzeug nutzen
Anstatt gegen den Hyperfokus anzukämpfen, können Sie ihn strategisch einsetzen. Wenn Sie wissen, dass Sie sich in bestimmten Themen verlieren können, versuchen Sie, diese "hyperfokus-anfälligen" Aktivitäten mit wichtigen Projekten zu verknüpfen. Wenn Buchhaltung für Sie uninteressant ist, finden Sie vielleicht einen Aspekt, der Ihre Neugier weckt – etwa die Frage, wie Unternehmen ihre Zahlen optimieren, oder die Geschichte der Buchführung.
2. Äußere Zeitstrukturen schaffen
Das ADHS-Gehirn hat oft Schwierigkeiten, Zeit einzuschätzen (Zeitblindheit). Nutzen Sie Timer und Alarme, um sich an Unterbrechungen und Grenzen zu erinnern. Die Pomodoro-Technik (25 Minuten Arbeit, 5 Minuten Pause) kann helfen, den Hyperfokus in produktive Bahnen zu lenken.
Visuelle Timer, die die verbleibende Zeit anzeigen, machen Zeit für das Gehirn greifbar und können Prokrastination reduzieren. Nutzen Sie eine Eieruhr !
3. Externe Strukturen etablieren
Das ADHS-Gehirn wird paradoxerweise durch Struktur befreit. Wenn alltägliche Routinen (Morgenrituale, Arbeitsvorbereitung) automatisiert sind, bleiben die begrenzten Ressourcen der exekutiven Funktionen für die wirklich herausfordernden Aufgaben erhalten. Visuelle Checklisten, Pläne und Erinnerungen helfen, das Arbeitsgedächtnis zu entlasten.
4. Die defensive Monotropie durchbrechen
Wenn Sie merken, dass Sie aus Überforderung in den Hyperfokus flüchten, kann es helfen, bewusst einen Schritt zurückzutreten und die Situation zu analysieren: Was genau überfordert mich? Welche konkrete Aufgabe ist gerade am drängendsten? Manchmal hilft es, die überwältigende Aufgabe in winzige Schritte zu zerlegen – Erstellen Sie vor wichtigen Aufgaben eine Checkliste, welche die Gesamtaufgabe in einzelne kleine Schritte unterteilt, die Sie abhaken können. So machen Sie Fortschritte auch visuell sichtbar. Der erste Schritt könnte sein, einfach den Ordner mit den Buchhaltungsunterlagen zu öffnen.
Drängen abschweifende Gedanken zu sehr in den Vordergrund, dann notieren Sie diese auf einen Zettel und werfen diesen Zettel in eine Box zur späteren Bearbeitung. Das befreit das Gehirn und der Gedanke oder die Idee geht nicht verloren. ( Siehe auch den Artikel zum Thema GTD)
5. Exekutive Funktionen trainieren
Forschungsergebnisse zeigen, dass exekutive Funktionen (kognitive Fähigkeiten wie Zeitmanagement, Organisation, Problemlösung, Selbstkontrolle und Emotionsregulation) die Verbindung zwischen Aufmerksamkeitsproblemen und Prokrastination vermitteln. Spezifisch sind Zeitmanagement und Organisation/Problemlösung die Wege, über die Prokrastination mit ADHS-Symptomen zusammenhängt.
Das Training dieser Fähigkeiten – etwa durch kognitive Stimulations-Apps oder ADHS-spezifisches Coaching – kann direkt zur Reduktion von Prokrastination beitragen. Für Menschen mit AuDHS ist es besonders wichtig, dass solche Strategien die besondere Doppelstruktur (autistischer Monotropismus + ADHS-typische Aufmerksamkeitsschwankungen) berücksichtigen.
6. Selbstmitgefühl entwickeln
Ein zentraler Aspekt im Umgang mit ADHS und Prokrastination ist die Bearbeitung der kumulierten Misserfolgserfahrungen. Studien zeigen, dass das Selbstwertgefühl von Menschen mit ADHS signifikant unter dem Bevölkerungsdurchschnitt liegt – nicht primär aufgrund der ADHS selbst, sondern aufgrund jahrelanger Misserfolge und negativer Rückmeldungen, bevor eine Diagnose gestellt wurde.
Wenn Sie verstehen, dass Ihre "Ablenkung" durch Quallen keine Charakterschwäche ist, sondern Ausdruck einer besonderen neurobiologischen Konstellation, kann das entlastend wirken. ADHS ist kein Moralversagen.
Zusammenfassung: Die Quallen verstehen – und die Buchhaltung erledigen
Die Faszination für Quallen ist kein Zeichen von Faulheit. Sie ist Ausdruck eines Gehirns, das auf Neuheit, Interesse und sofortige Belohnung programmiert ist – und das mit einer autistischen Tendenz zur tiefen Versenkung in interessante Themen verbunden sein kann. Diese Kombination ist weder gut noch schlecht; sie ist einfach anders.
Die Strategien, die wirklich helfen, arbeiten mit diesem System, nicht gegen es: Nutzen Sie Ihren Hyperfokus bewusst, schaffen Sie externe Strukturen, zerlegen Sie überwältigende Aufgaben in kleine Schritte, und seien Sie vor allem freundlich zu sich selbst.
Und vergesst eines nie:
Wir sind alle wertvolle Menschen !
Quellenverzeichnis
- DYNSEO (2026). ADHS und exekutive Funktionen: Verhaltensweisen verstehen, um besser zu unterstützen.
- Shimmer ADHD Coaching (2024). Hyperfocus and ADHD.
- Familienförderung Österreich. AD(H)S oder doch eine Autismus-Spektrum-Störung?
- Neurodivergent Insights (2026). When Autism Hides the ADHD: 6 Ways It Gets Missed.
- ADHS Spezialambulanz (2026). ADHS und Prokrastination: Warum Aufschieben kein Charakterfehler ist.
- My Patient Advice (2025). ADHD: Boring Tasks vs Hyperfocus on Fun Ones.
- Praxis für AUTISMUS, ADHS & Neurodiversität (2026). AuDHS – der lange übersehene Phänotyp zwischen Autismus und ADHS.
- Bolden, J. & Fillauer, J.P. (2019). "Tomorrow is the busiest day of the week": Executive functions mediate the relation between procrastination and attention problems. Journal of American College Health.
- fm (2026). ADHS ist kein Moralversagen (Audiobook).
Die Inhalte dieses Beitrags sind weder medizinisch noch psychotherapeutisch oder pädagogisch verwertbar. Sie geben nur meine subjektiven persönlichen Erlebnisse oder Erfahrungen wider. Für Diagnostik und Therapie suchen Sie bitte fachlich geeignete Personen auf. Fragen Sie dort Erfahrungen im Bereich Autismus und ADHS nach.

