Sammelleidenschaft: Mehr als nur „unordentlich“
Menschen mit ADHS oder Autismus (oder beidem, wie bei mir) haben ein besonderes Verhältnis zu Dingen. Es ist nicht einfach „Sammelwut“ oder das „Messie-Syndrom“. Es ist eine tief sitzende, neurologisch bedingte Art, die Welt zu ordnen – und daran zu scheitern.
Bei ADHS kommt oft der Impuls-Kauf hinzu. Ein neues Hobby? Brauche ich sofort alles dafür. Neue Idee für ein DIY-Projekt? Natürlich muss ich heute noch die Materialien bestellen. Der Akkuschrauber von vor drei Jahren? Gekauft, weil ich nicht ständig zwischen Bohrer und Schrauberbit wechseln wollte. Ich baute, glaube ich, damals ein Bett.
Bei Autismus geht es oft um Sicherheit. Dinge sind berechenbar. Sie lügen nicht. Ein Regal voller gleich sortierter Gläser, eine Sammlung von Steinen, Büchern oder alten Kabeln – das ist ein kleines Universum, das ich kontrollieren kann. Wegwerfen fühlt sich an wie Verlust eines Teils von mir selbst.
Nichts wegwerfen können: Der emotionale Mülleimer ist voll
„Das könnte man noch reparieren.“ – „Das war ein Geschenk.“ – „Das habe ich gekauft, um das Balkongeländer zu reparieren“ – Sätze, die mich jeden Tag begleiten. Jeder Gegenstand gehört zu einem Plan und hat eine Geschichte. Und Geschichten wegzuwerfen fühlt sich respektlos an.
Dazu kommt bei ADHS die Zeitblindheit: Wenn ich etwas wegwerfe, ist es für immer weg – genau wie das Gefühl, das daran hängt. Aber das „Jetzt“ ist auch schwer zu greifen. Deshalb bleibt alles liegen. Es verschiebt sich von der Werkbank auf den Stapel, vom Stapel in die Kiste. Die Kiste steht im Kellerregal. Sie ist meist unbeschriftet. Die Aufgabe ist nicht aufgegeben, sie ruht auf unbestimmte Zeit.
Die Kiste im Lagerraum der Werkstatt ist das Endlager der vergessenen Projekte. Und wehe, ich will etwas daraus holen. Dann bricht die Lawine los.
Ausmisten unmöglich: Wenn das Gehirn auf „Stopp“ schaltet
Ich habe es so oft versucht. Samstagmorgen, der Deutschlandfunk strukturiert mir die Zeit, Müllbeutel bereit. Nach zwei Stunden sitze ich auf dem Boden, weil ich eine halb leere Packung Sekundenkleber aus dem Jahr 2019 nicht wegschmeißen kann. Warum? Weil ich genau weiß, dass ich diesen Kleber für ein interessantes Projekt gekauft habe, das ich mal angefangen habe. Und wenn ich den Kleber wegwerfe, gebe ich zu, dass ich das Projekt nie beenden werde. der Kleber ist ausgetrocknet, Ok, Also weg damit.
Die Dinge erinnern mich an angefangene und nicht zu Ende gebrachte Projekte. Jeder Gegenstand ist ein kleiner Grabstein für eine Idee, die starb, bevor sie leben konnte. Und bei ADHS gibt es hunderte solcher Ideen. Bei Autismus kommen oft Perfektionismus und die Angst hinzu, etwas falsch zu machen.
Doch es gibt auch die Momente, wo ich in der Werkstatt kreativ und produktiv bin. Diese Momente sind wertvoll und wahrscheinlich der Grund dafür, dass nichts weggeworfen wird.
Exkurs: Was die Wissenschaft sagt – Messietum, ADHS und Autismus
Das Phänomen hat Namen. In der Psychologie spricht man bei extremem Sammelverhalten von Messie-Syndrom (heute oft: pathologisches Horten). Aber bei neurodivergenten Menschen sieht es anders aus.
Studien zeigen:
- Bis zu 30 % der Menschen mit ADHS erfüllen Kriterien für problematisches Sammelverhalten. Nicht weil sie zwanghaft sammeln, sondern weil Exekutivfunktionen wie Planung, Sortieren und Entscheiden gestört sind.
- Bei Autismus ist Sammeln oft ein selbstregulierendes Verhalten. Es reduziert Angst, schafft Ordnung im Kopf durch äußere Ordnung (auch wenn diese für andere chaotisch aussieht).
- Die Kombination ADHS + Autismus (AuDHS) ist besonders tricky: Der Autismus will Ordnung und System, das ADHS sabotiert beides durch Impulsivität und Vergesslichkeit. Ergebnis: Zehn Tüten mit Deckeln, aber kein System.
Forscher wie Dr. Randy O. Frost (Experte für Messietum) betonen: „Für viele ist das Sammeln keine Sucht, sondern eine fehlgeschlagene Strategie zur Emotionsregulation.“ Und genau das trifft es.
Medizinische Hintergründe: Dopamin, Belohnung und die Angst vor Leere
Warum kann ich nichts wegwerfen? Es liegt nicht an Charakterschwäche. Es liegt an meinem dopaminergen System.
Bei ADHS gibt es einen Mangel an Dopamin im Belohnungszentrum. Ein neuer Gegenstand – zack, Dopamin. Ein alter Gegenstand wegwerfen – kein Dopamin, eher Stress. Also behalte ich alles.
Bei Autismus spielt Serotonin eine Rolle. Serotonin gibt uns das Gefühl von Zufriedenheit und Sicherheit. Veränderungen (wie Wegwerfen) senken den Serotoninspiegel. Deshalb fühlt sich Ausmisten an wie eine Bedrohung.
Und dann ist da die Angst vor dem Vergessen – ein typisches autistisches Phänomen. Wenn der Gegenstand weg ist, ist auch die Erinnerung an das Ereignis, die Person oder das Gefühl weg. Oder jedenfalls fühlt es sich so an.
Lösungswege: Wie ich das Zeug loswerde (ohne durchzudrehen)
Ich bin ehrlich – ich habe keine Lösung. Es gibt aber eine Menge Strategien und Tipps, die angeblich helfen sollen. Aus pädagogischen Gründen nenne ich mal ein paar:
1. Die „Container-Methode“
Nicht „Räum die ganze Wohnung auf“, sondern: „Heute räume ich nur diese eine Schublade aus.“ Alles, was bleibt, muss in einen festen Behälter passen. Was nicht reinpasst, muss weg. Keine Ausnahmen.
2. Der externe Entscheider
Rufe eine Freundin an. Sage: „Ich halte dir jetzt zwei Dinge hin. Du sagst, welches wegkommt.“ Meistens ist es egal, welches. Aber die Entscheidung fällt dann leichter, weil sie nicht meine ist.
3. Die „Ein-Jahr-Regel“ für ADHS
Alles, was ich in den letzten 12 Monaten nicht benutzt habe, kommt in eine Kiste mit Datum. Wenn ich die Kiste nach einem Jahr nicht geöffnet habe – weg damit. Ohne sie vorher zu öffnen.
4. Autismus-Trick: System statt Leere
Ich schaffe keinen leeren Raum. Leere löst Panik aus. Stattdessen schaffe ich ein neues System: „Hier kommen jetzt alle Akkus rein, mit einem Plan.“ Dann ist das Wegwerfen nicht Verlust, sondern Optimierung.
5. Erinnerungen digitalisieren
Ein Gegenstand, der nur wegen der Erinnerung bleibt – ich fotografiere ihn. Von allen Seiten. Dann kommt er in einen Ordner „Erinnerungen“. Die Datei ist klein. Die Kiste im Keller wird leer.
Und der Akkuschrauber?
Ich habe mir übrigens keinen vierten bestellt. Stattdessen habe ich gestern – nach zwei Stunden Suchen – zwei der Akkuschrauber gefunden. Einen in einer Werkzeugkiste, die ich extra mal für Arbeiten am Haus gepackt und dann vergessen habe. Der andere lag in einer Ecke neben Ladegeräten und Akkus. Da habe ich wohl mal versucht, ein System reinzubringen. Na also, geht doch !
Wenn du dich wiedererkennst: Du bist nicht chaotisch, nicht faul, nicht kaputt. Du funktionierst nur nach anderen Regeln. Und das ist okay so. Du bist okay so.
