Die Superkraft Humor

Früher hätte mich dieses Ereignis in eine Abwärtsspirale katapultiert: „Ich kann nichts. Ich vergesse alles. Wo sind meine Gedanken. Warum ticke ich so ?“ Heute regt mich diese Geschichte keinen Augenblick auf, ich lache darüber, poste die Geschichte vielleicht sogar in einer Neurodiversitäts-Community, oder doch besser nicht, kein vernunftbegabter Mensch liest so was, oder ? !

Was klingt wie eine einfache Anekdote, ist tatsächlich eine der effektivsten Überlebensstrategien für neurodivergente Gehirne. Und die Forschung gibt mir recht.

Die Wissenschaft des Lachens: Was passiert wirklich in uns?

Lange Zeit dachte die Forschung, Autisten hätten keinen Humor. Zum Glück wissen wir es heute besser. Eine große Übersichtsstudie aus dem Jahr 2026 kommt zu einem klaren Ergebnis: Humor ist bei Autismus nicht weniger vorhanden – er wird nur anders genutzt und verarbeitet .

Genau diese Andersartigkeit kann zu einer echten Superkraft werden. Denn Humor wirkt direkt auf unsere emotionsregulierenden Systeme – und zwar über gleich drei Mechanismen :

  1. Cognitive Reappraisal (kognitive Neubewertung): Humor hilft uns, eine Situation umzudeuten. Aus „Ich versage schon wieder“ wird „Das war jetzt echt absurd – und irgendwie auch lustig“.
  2. Distraction (Ablenkung): Ein lustiger Gedanke unterbricht die Abwärtsspirale, bevor sie richtig Fahrt aufnimmt.
  3. Positive Affektauslösung: Lachen setzt Botenstoffe frei, die uns einfach besser fühlen lassen – und das senkt nachweislich den Cortisolspiegel .

Eine aktuelle Studie hat gezeigt, dass humorvolle Neubewertung von negativen Situationen sogar dann noch wirkt, wenn man die Bilder eine Woche später wieder sieht – die negativen Emotionen bleiben dauerhaft reduziert . Das ist kein Placebo, das ist Neurobiologie.

ADHS und Humor: Die überraschende Entdeckung

Du hast ADHS und denkst, du hast keinen Humor? Weit gefehlt. Eine ungarische Studie aus dem Jahr 2024 hat 528 Erwachsene untersucht und dabei etwas Spannendes herausgefunden .

Die Teilnehmer mit ADHS-Symptomen schnitten bei vielen persönlichen Stärken schlechter ab – bei Selbstvertrauen, Selbstfürsorge und Verantwortungsbewusstsein waren die Unterschiede deutlich. Aber bei einer Sache gab es keinen Unterschied zur neurotypischen Gruppe :

Bei Humor.

Die Forscher schreiben, dass Humor bei Menschen mit ADHS genauso ausgeprägt ist wie bei anderen. Er ist eine Stärke in einem Gehirn, das sonst oft anders funktioniert . Das ist keine Kleinigkeit. Das bedeutet: Du hast eine verlässliche Waffe gegen den Frust – und sie funktioniert.

Klar, eine andere Studie fand heraus, dass Autisten tendenziell mehr zu selbstabwertendem Humor neigen . Aber das ist kein Naturgesetz – Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl kann man stärken. Bestimmt auch mit gesundem Humor

Der Angstgegner: Wie Humor die schwarzen Gedanken vertreibt

Hier wird es richtig interessant. Die Forschung spricht von einem Phänomen namens Gelotophobie – der Angst, ausgelacht zu werden .

Und rate mal: Bei Autisten ist sie deutlich häufiger. Kein Wunder, wenn man sein Leben lang Kommentare hört wie „Stell dich nicht so an“ oder „Das war doch offensichtlich nicht ernst gemeint“. Irgendwann erwartet man einfach, dass man die Pointe nicht versteht – und dass andere einen dafür auslachen.

Aber Humor kann genau hier ansetzen. Studien zeigen, dass Menschen, die aktiv Humor als Bewältigungsstrategie nutzen, geringere Ängste und weniger depressive Symptome haben . Und das Beste: Humor-Fähigkeiten sind trainierbar.

Die Universität Zürich forscht aktuell an einem personalisierten Humortraining für autistische Jugendliche . Ziel ist es nicht, ihnen beizubringen, Witze zu erzählen wie ein Comedy-Star. Es geht darum, dass sie lernen, Humor für sich zu nutzen – als Werkzeug für mehr Wohlbefinden.

Das Konzept nennt sich übrigens neurodiversitäts-affirmierend . Übersetzt: Man muss sich nicht verbiegen, um „normalen“ Humor zu haben. Man lernt, mit dem Humor umzugehen, der zu einem passt.

Kleiner Exkurs: Was zur Hölle heißt „neurodiversitäts-affirmierend“? (uninteressant sagt mein ADHS)

Klingt erstmal nach akademischem Kauderwelsch, oder? Keine Sorge, ich erkläre es mit einem einfachen Vergleich:

Stell dir vor, du bist ein Pinguin.

Pinguine sind hervorragend im Schwimmen, tauchen und Fische fangen. Aber jemand steckt dich in einen Fahrradladen und sagt: „So, jetzt fahr Rad. Alle anderen können das auch. Du bist aber einfach zu langsam und ungeschickt. Du scheiterst kläglich. Du bekommst einen Diagnosecode. Und dann sollst du eine „Fahrrad-Therapie“ machen, um endlich „normal“ zu werden.

Das ist das Gegenteil von neurodiversitäts-affirmierend.

Der alte, kaputte Ansatz: Das Defizit-Modell

Jahrzehntelang haben Psychologie und Pädagogik so gearbeitet: Sie haben sich angeschaut, was Menschen mit Autismus und ADHS nicht können. Blickkontakt? Schwierig. Smalltalk? Unangenehm. Reizfilterung? Nicht vorhanden.

Die logische Schlussfolgerung war damals: „Dann müssen wir diese Defizite beheben. Wir bringen ihnen bei, Blickkontakt zu halten (auch wenn es sich anfühlt wie Starren in die Sonne). Wir trainieren Smalltalk (auch wenn es keine echte Verbindung schafft). Wir therapieren das Anderssein weg.“

Das nennt man den deficit approach – den Defizit-Ansatz. Und er tut weh. Nicht weil die Therapeuten böse sind (nein, sie sind nur ahnungslos), sondern weil er auf einer falschen Grundannahme beruht: Dass neurotypisch richtig ist und alles andere falsch.

Der neue, bessere Ansatz: Neurodiversitäts-affirmierend

Die neurodiversitäts-affirmierende Perspektive dreht den Spieß um. Sie sagt:

„Ein Pinguin muss kein Fahrrad fahren lernen. Ein Pinguin braucht einen See.“

Übersetzt: Wir schauen nicht auf das, was du nicht kannst. Wir schauen auf das, was du brauchst, um gut zu funktionieren. Und wir akzeptieren, dass dein Gehirn anders verdrahtet ist – nicht falsch, nicht kaputt, sondern anders.

Konkret bedeutet das:

Defizit-orientiert

Neurodiversitäts-affirmierend

„Sie hat Probleme mit Blickkontakt.“

„Sie kommuniziert anders“

„Er kann nicht stillsitzen.“

„Sein Gehirn braucht Bewegung zum Denken.“

„Sie ist zu empfindlich gegenüber Geräuschen.“

„Ihr Nervensystem nimmt mehr wahr – das ist anstrengend, aber auch eine Stärke.“

„Er hat kein Einfühlungsvermögen.“

„Er zeigt Empathie anders – oft tiefer, aber nicht auf die neurotypische Standardweise.“

Was heißt das für den Humor?

Jetzt verstehst du vielleicht, warum der Begriff in meinem Blogbeitrag aufgetaucht ist. Die Forschung sagt: Ein neurodiversitäts-affirmierendes Humortraining würde nicht versuchen, Autisten beizubringen, neurotypische Witze zu verstehen oder so zu lachen wie alle anderen.

Sondern es würde fragen:

  • Welche Art von Humor liebst du eigentlich? (Absurder Humor? Visuelle Gags? Wortspiele? Logikbrüche?)
  • Wie kann Humor dir im Alltag helfen? (Zum Abschalten? Zum Verbinden mit anderen? Zum Runterkommen nach Reizüberflutung?)
  • Was brauchst du, um Humor als Werkzeug zu nutzen – ohne dich zu verbiegen?

Das ist der Kern: Du musst dich nicht anpassen. Die Anpassung kommt von innen heraus, basierend auf deinen Bedürfnissen.

Ein kleines Beispiel aus dem echten Leben

Nehmen wir meine Tankdeckel-Geschichte. Ein defizit-orientierter Ansatz würde sagen: „Wir müssen sein Arbeitsgedächtnis trainieren. Er soll sich eine Checkliste machen. Morgens: Schlüssel?  Geld?  Klebezettel am Lenkrad, Aufschrift: „Tankdeckel zu?“

Ein neurodiversitäts-affirmierender Ansatz sagt: „Okay, dein Gehirn vergisst Dinge, die nicht im Sichtfeld sind. Also bauen wir eine Lösung um dein Gehirn herum. Wie wäre es mit einem Tankdeckel, der am Schlüsselbund hängt? Dann kannst du physikalisch nicht wegfahren, ohne ihn zu sehen und den Tank zu verschließen.“

Und genau das habe ich gemacht. Kein Training. Kein „stell dich nicht so an“. Einfach eine affirmierende Lösung – und dann noch drüber gelacht.

Warum das auch für Nicht-Betroffene wichtig ist

Vielleicht liest du diesen Blogbeitrag, hast selbst kein ADHS oder Autismus, aber kennst jemanden, der betroffen ist. Dann nimm bitte das mit: Neurodiversitäts-affirmierend zu sein bedeutet, anzuerkennen, dass anders sein nicht weniger wert ist.

Wenn dein autistischer Freund den Witz nicht versteht, sag nicht: „War doch lustig, oder?“ Sag: „Kommt bei dir anders rüber, oder? Ich erkläre ihn dir gern – oder wir lachen einfach über was anderes.“

Wenn dein ADHS-Kind nicht stillsitzen kann, sag nicht: „Hör auf zu zappeln.“ Sag: „Willst du auf dem Gymnastikball sitzen oder neben mir stehen? Solange du zuhörst, ist alles gut.“

Der eigentliche Skandal

Weißt du, was das Absurde ist? Die Forschung weiß seit Jahren, dass neurodiversitäts-affirmierende Ansätze besser wirken. Menschen mit dieser Unterstützung haben weniger Depressionen, weniger Angst, mehr Selbstwertgefühl und bessere Lebensqualität.

Trotzdem werden immer noch die meisten Therapien defizit-orientiert durchgeführt. Warum? Weil das System träge ist. Weil Diagnosekriterien auf Defiziten basieren. Weil „normal“ als Goldstandard gilt.

Aber das ändert sich gerade. Langsam, aber spürbar. Studien, Begriffe wie dieser hier, Communities im Internet – wir schreiben die Geschichte um.

Und was kannst du jetzt tun?

Ganz einfach:

  1. Beobachte dich selbst: Wo denkst du in Defizit-Kategorien? Bei dir selbst? Bei anderen? Streiche das Wort „sollte“ aus deinem Vokabular. „Ich sollte besser Blickkontakt halten.“ Nein. Du könntest, wenn du willst und wenn es dir hilft – aber du musst nicht.
  2. Frage nach statt etwas anzunehmen: Statt zu denken „Der kann das nicht“, frage: „Was brauchst du?“ Die Antwort wird dich oft überraschen.
  3. Feiere die Andersartigkeit: Dein Gehirn ist kein Unfall. Es ist eine andere Betriebssoftware. Und die hat echte Vorteile – Mustererkennung, Tiefe, Hyperfokus, Ehrlichkeit, Direktheit. Und ja: einen ganz eigenen Humor.

Also, mein lieber Pinguin: Such dir deinen See. Und lach über all die Fahrradfahrer, die nicht verstehen, warum du so gerne tauchst.

(Ende des Exkurses)

Praktisch angewandt: Dein tägliches Humor-Training

Die Wissenschaft sagt also: Humor wirkt. Aber wie setzt man das im Alltag um? Hier sind drei forschungsbasierte Strategien :

1. Humorvolle Neubewertung (Cognitive Reappraisal)

Wenn dir ein Missgeschick passiert (Tankdeckel, vergessener Termin, verlorener Schlüssel), sag laut: „Das war jetzt wirklich absurd. Wie kann man das eigentlich lustig erzählen?“ Dein Gehirn muss die Situation dann neu interpretieren – und der Ärger weicht einem Schmunzeln.

2. Distraction durch Humor (funktioniert nachweislich)

Spürst du, wie die Reizüberflutung kommt? Öffne ein Katzenvideo, das dich zum Lachen bringt, oder denk an eine lustige Szene aus deiner Lieblingsserie. Die Forschung sagt: Das unterbricht die Stressspirale .

3. Positiven Humor kultivieren

Achte bewusst auf netten Humor. Also nicht auf Sarkasmus oder Witze auf Kosten anderer (das ist der aggressive Humor, der nachweislich nichts bringt) . Sondern auf Humor, der verbindet, der erleichtert, der sagt: „Ich bin nicht perfekt – und das ist okay.“

Fazit: Lachen ist nicht nur Medizin, es ist Resilienz

Unsere Gehirne sind großartige Mustererkennungsmaschinen. Wir sehen Details, Zusammenhänge und Absurditäten, die andere übersehen. Genau das ist der Rohstoff großartigen Humors .

Die Forschung zeigt eindeutig: Wer Humor als Ressource nutzt, ist widerstandsfähiger . Humor senkt Stresshormone, verbessert die Emotionsregulation und schützt vor Angst und Depression.

Dieser Humor ist keine Maske, um zu gefallen. Er ist ein Werkzeug. Er bringt Licht in dunkle Gedankenschleifen, entwaffnet soziale Ängste und macht uns widerstandsfähig gegen die vielen kleinen (und großen) Frustrationen des Alltags mit einem nicht-neurotypischen Gehirn.

Also, wenn du das nächste Mal den Tankdeckel vergisst oder du im falschen Monat zum Arzttermin erscheinst: Atme durch. Und dann lache.

Es ist die gesündeste Medizin, die frei verfügbar ist – und die Forschung sagt: Sie wirkt.
Übrigens: Lege NIEMALS etwas aufs Autodach. Auch nicht ganz kurz.

Das Bild des Pinguins ist von Gundula Vogel (pixels). Danke dafür



Selbsthilfe ist Nothilfe :
Selbsthilfegruppen muss es geben, solange unser Gesundheitssystem weiterhin versagt. Wir können eine ärztliche Behandlung nicht ersetzen oder ergänzen. Es werden bei uns keine Diagnosen erstellt oder ärztliche bzw. therapeutische Ratschläge erteilt. 
Die Teilnahme an den Gruppenaktivitäten ist kostenfrei und erfolgt auf eigene Verantwortung und eigenes Risiko.