Als Autismus noch eine „Schizophrenie“ war

Kurzer Abriss der Autismus-Geschichte in Deutschland

Der Begriff „Autismus“ wurde 1911 vom Schweizer Psychiater Eugen Bleuler geprägt – allerdings als Symptom der Schizophrenie, nicht als eigenständige Störung. Ein autistischer Mensch galt damals als jemand, der sich von der Außenwelt zurückzieht und in seiner eigenen inneren Welt lebt. Diese fehlerhafte Verankerung sollte das Verständnis für Jahrzehnte prägen.
Die entscheidende Wende kam in den 1940er Jahren, als zwei deutschsprachige Ärzte unabhängig voneinander das beschrieben, was wir heute als Autismus kennen:

  • Leo Kanner (österreichischer Emigrant in den USA) prägte 1944 den Begriff „frühkindlicher Autismus“
  • Hans Asperger (Wiener Kinderarzt) veröffentlichte 1944 seine Arbeit über „autistische Psychopathen“ im Kindesalter

Beide kannten die Arbeit des jeweils anderen nicht. Während Kanner weltweit bekannt wurde, geriet Aspergers Forschung nach dem Zweiten Weltkrieg in Vergessenheit – was sich auf die Rezeption in Deutschland auswirken sollte.

Paradoxerweise war die Situation in Deutschland nach 1945 widersprüchlich:

Fachlich bekannt war Autismus primär durch Aspergers deutsche Arbeit – der Begriff existierte im deutschsprachigen Raum durchaus. In der Praxis jedoch bedeutete das fast nichts: Betroffene Kinder wurden weiterhin als „kindlich schizophren“, „geistesgestört“ oder „psychotisch“ abgestempelt. Die „Kühlschrank-Mutter“-Theorie (Autismus entstehe durch emotionale Kälte der Mutter) eines Menschen, den wir hier keinesfalls noch namentlich würdigen, kam von Fehlinterpretationen der Schriften Kanners und verbreitete sich auch in Deutschland – mit verheerenden Folgen für die Schuldgefühle der Eltern und das Wohl vieler Kinder.

Die traurige Realität: Der Begriff „Autismus“ war zwar im deutschsprachigen Fachdiskurs bekannt, aber in der alltäglichen Versorgung und in der breiten Bevölkerung völlig irrelevant. Autistische Kinder wurden nicht als solche erkannt, sondern als psychisch krank oder verhaltensgestört abgestempelt. Therapieangebote für autistische Kinder gab es praktisch keine

Die Gründung des Bundesverbandes ‚Hilfe für das autistische Kind‘ im Jahr 1970 durch Eltern (heute autismus Deutschland e.V.) war der erste Lichtblick.

Die eigentliche Wende für die öffentliche Wahrnehmung in Deutschland kam erst in den 1980er und 1990er Jahren:

  • 1980: Erstmalige Aufnahme von Autismus ins diagnostische Manual DSM-III
  • 1981: Lorna Wing, eine britische Psychiaterin mit autistischer Tochter veröffentlicht ihre Arbeit zum Asperger-Syndrom auf Englisch und begründete die National Autistic Society mit.
  • 1985: Uta Frith entwickelt die „theory of mind“. Ihr Buch „Autism: Explaining the Enigma“ führte zu der Einordnung von Autismus als neurologisch begründete Entwicklungsstörung.
  • 1994: Aufnahme des Asperger-Syndroms ins DSM-IV – die Diagnosezahlen steigen sprunghaft an

Die Geschichte des Autismus in Deutschland ist eine Geschichte schmerzhafter Verspätung: Der Begriff war da – aber das Verständnis, die Diagnostik und vor allem die Hilfe für die Betroffenen fehlten für Jahrzehnte. Die Konsequenz war fatal: Ein Kind, das sozial zurückgezogen war, keinen Augenkontakt herstellte und stereotype Verhaltensweisen zeigte, galt nicht als „autistisch“. Es galt als „geistesgestört“ oder zumindest als ein hoffnungsloser Fall von „Psychopathie“. Es fehlte das grundlegende Verständnis dafür, dass dieses Kind die Welt einfach anders wahrnahm.

Die Spiegelstrafe: Wenn Behinderung zur Familienschande wurde

Doch das medizinische Unwissen war nur die eine Seite der Medaille. Die andere war die Gesellschaft.

Eine Umfrage aus dem Jahr 1972 der Uni Marburg bringt es auf den Punkt: 85 Prozent der Befragten gaben damals an, dass Eltern eines behinderten Kindes Scham empfinden würden. 92 Prozent nannten die Furcht vor dem Gerede der Leute.70 Prozent der Bevölkerung glaubten, die Eltern seien verantwortlich für das „Leiden“ ihrer Kinder. 66 Prozent der Befragten befürworteten eine Unterbringung der Kinder in Heimen an „entlegenen“ Orten.

Stell dir den gesellschaftlichen Druck solcher Einstellungen vor. Deine Eltern denken, du verhälst dich „seltsam“. Du hast Wutanfälle, grüßt nicht, spielt nicht mit anderen Kindern, reagiert ängstlich, wenn du angesprochen wird. Und statt Hilfeangebote erntest du auch von deinen Eltern Blicke des Vorwurfs und Unverständnis. Diese toxische Mischung aus Scham und Schuld führte zu einer menschenverachtenden Praxis: dem Verstecken. Behinderte Kinder wurden nicht zu Veranstaltungen, Hochzeiten, Geburtstagen oder Gottesdiensten mitgenommen und wenn, dann unter dem Zwang still und „brav“ zu sein.

Der unsichtbare Preis: Das Verstummen des Selbst

Diejenigen, welche die „hochfunktionalen“ Fähigkeiten dazu hatten, übten die „Normalität“ ein . Selbstentfaltung? Selbstverwirklichung? Diese Begriffe gehörten nicht zum Vokabular der 1970er und 80er Jahre – zumindest nicht für behinderte Menschen. Während die gesellschaftliche Linke von ihrer Selbstbestimmung träumte, galt für Autistische: Die eigene Persönlichkeit war ein Problem, das es zu verbergen galt.

Die Devise lautete: Übernahme der gesellschaftlich erwarteten Rolle. Was war das für eine Rolle? Unauffällig sein. Funktional sein. Die oft konservativen Regeln des Zusammenlebens befolgen. Ein braver Schüler, ein fleißiger Arbeiter, später ein unauffälliger Ehemann oder eine angepasste Ehefrau sein? Dein inneres Erleben war irrelevant. Der gesellschaftliche Druck und die Erwartungen des Elternhauses waren zu dieser Zeit enorm groß.

Diese damalige politische und gesellschaftliche Ordnung  erforderte von autistischen Menschen eine Anpassungsleistung von einer Brutalität, die kaum zu ermessen ist. Die Ausbildung einer enormen psychische Widerstandsfähigkeit wurde unter solchen Bedingungen in Wortsinn überlebenswichtig. Die autistischen Menschen mussten lernen, Schmerz, Ausgrenzung, Ablehnung und ständige Überreizung zu ertragen. Es gab keine Alternative.

Die Forschung spricht heute von „masking“ oder „camouflaging“ – dem aktiven Verschleiern autistischer Verhaltensweisen. Vor 50 Jahren war dies kein erklärter Bewältigungsmechanismus, sondern schiere Notwendigkeit. Man lernte, Blickkontakt zu simulieren, obwohl er unerträglich war. Man lernte, Smalltalk zu imitieren, obwohl jedes Wort sinnlos erschien. Man lernte, still zu sitzen, obwohl jeder Muskel nach Stimulation schrie. Man schloss sich auch ohne innere Überzeugung  Gruppen und Gruppierungen an, nur um dazu zu gehören. Die eigenen Überzeugungen waren unwichtig. Der Preis dieser Anpassung war die vollständige Entfremdung von sich selbst mit oft dramatischen körperlichen und seelischen Folgen.

Die Hölle der Schule: Mobbing ohne jeden Schutz

Die Schule war ein Ort des reinen Überlebenskampfes. Eine sonderpädagogische Förderung existierte praktisch nicht. Im Gegenteil: Da autistische Kinder oft als „komisch“ oder „stur“ galten, wurden sie selbst von Lehrern falsch behandelt, als dumm abgestempelt oder ignoriert. „Zeige mehr Respekt“, „Streng dich doch mal an!“ oder „Sieh mir in die Augen, wenn ich mit dir rede!“ waren Sätze, die zur schulischen Erziehung gehörten. Keine Schulbegleitung, keine spezielle Förderung, kein Verständnis für Überreizung. Abweichendes Verhalten wurde bestraft. Das war die damalige Pädagogik.

Mitschüler spürten die Schwäche. Wer anders war, wurde zum Opfer. Die Pausen wurden zur Tortur. Soziale Dominanz- bzw. Peergroup-Hierarchie kann Außenseiter traumatisieren und auch zu reaktiver Aggression führen. Autistischen Kindern fehlte oftmals sogar diese schmutzige Überlebensstrategie; sie blieben dauerhaft außerhalb des Machtgefüges. Da die Eltern meist aus Scham schwiegen oder das Kind als „psychisch krank“ betrachteten, gab es keine Unterstützung aus dem Elternhaus, keine hilfreichen Gespräche mit den Lehrern. Nur wenige Fachpersonen verfügten über das nötige Fachwissen.

Erwachsen werden im Minenfeld: Beziehungen ohne Kompass

Und dann kam die Pubertät – die soziale Hölle für jeden autistischen Menschen. Und das Ganze ohne Wissen um den eigenen Autismus, ohne Austauschmöglichkeiten.

Wie interpretiert man ein Lächeln? Wann ist ein „Nein“ ein „Nein“? Wann bedeutet ein Streit das Ende einer Freundschaft? Diese sozialen Feinheiten, die für neurotypische Jugendliche intuitiv verständlich sind, blieben für autistische Heranwachsende ein Buch mit sieben Siegeln.

Die Folge war ein Trauma nach dem anderen: Verabredungs-Katastrophen, missverstandene Signale, zerbrochene Freundschaften, misslungener Beziehungsaufbau, ohne je zu erfahren, warum. Immer wieder Unklarheiten, Unsicherheiten, Fehleinschätzungen, Ablehnungen, ohne jemals eine Erklärung zu erhalten. Das mündete meist in sozialem Rückzug und einem enormen Vertrauensverlust in andere Menschen.

Das Schlimmste war aber die innere Abwertung: Die autistischen Menschen wurden von der Gesellschaft nicht nur ausgegrenzt und abgelehnt, sondern übernahmen diese Ablehnung auch noch selbst. „Ich bin selbst schuld“, dachten sie. „Ich bin zu komisch. Gestört. Zu anhänglich. Zu abweisend. Zu kalt. Zu intensiv.“ Das Gefühl, ein psychisch kranker Mensch zu sein, wurde zur zweiten Haut. Sie wussten, dass sie anders waren, aber ihnen war nicht klar warum. Und sie machten sich selbst Vorwürfe. Ein Leben zwischen Anpassungsversuchen, Schuld, Scham, Enttäuschung und Hilflosigkeit.

Überleben unter Gleichen: Die einzige Rettung

Die einzige Hilfe, die autistische Menschen damals erfahren konnten, war die zufällige Begegnung mit anderen Ausgegrenzten. Es entstanden Nischen des Verständnisses – oft unter Menschen, die ebenfalls als „komisch“ oder „seltsam“ galten. Solche Begegnungen konnten bereichernd, inspirierend und tröstlich sein. Gezielt suchen konnte man diese Menschen aber nicht. Internet und Soziale Medien: Gab es noch nicht!

Doch diese Gemeinschaften blieben fragmentiert, fragil und gefährdet. Sie standen immer isoliert am Rand der Gesellschaft. Es fehlte jede Möglichkeit der Selbstdefinition: „Ich bin Autist“ und jegliches Wissen um die medizinischen und psychologischen Hintergründe.Viele Autisten verbrachten ihr gesamtes Leben, ohne jemals einen anderen Menschen wie sich selbst zu treffen. Sie blieben abgesondert – und glaubten lange, die einzigen „Verrückten“ auf der Welt zu sein. Viele, die ihre besonderen z.B. logisch-abstrakten Begabungen nicht beruflich umsetzen konnten, landeten in unterbezahlten Jobs oder der Erwerbslosigkeit.

Was wir heute besser machen können: Die Lehren aus der Vergangenheit

Die Fehler der Vergangenheit – das Wegschauen, die Beschämung, der Zwang zur Anpassung, das Verleugnen der eigenen Persönlichkeit – haben unermessliches Leid verursacht. Aber sie haben auch eine klare Blaupause für die Zukunft geliefert: Je mehr wir selbst unseren Autismus kennen und verstehen, desto weniger müssen wir uns verleugnen. Je mehr Akzeptanz und Verständnis wir erfahren, desto größer die Chance auf ein erfülltes Leben.

Epilog: Die Überlebenden von damals

Die autistischen Kinder von 1970 sind heute alt. Viele von ihnen tragen noch immer die Narben einer Zeit, die noch nicht reif war. Ich wünsche allen Betroffenen, dass sie ihren inneren Frieden und Versöhnung mit sich selbst gefunden haben.
In den meisten Lebensbereichen ist Autismus jedenfalls durch wachsende Information und Akzeptanz heute keine Tragödie mehr, sondern wird zunehmend als Bereicherung für die Gesellschaft gesehen. Wir schreiben das Jahr 2026. Arbeitet alle daran, dass es 2076 perfekt sein wird.

Wichtiger Hinweis:
Die im Artikel geschilderten Erfahrungen und Erlebnisse spiegeln nicht oder bestenfalls teilweise mein eigenes Erleben wider. Der Artikel soll die Verhältnisse der damaligen Zeit möglichst anschaulich aufzeigen ohne zu persönlich zu werden. Ich bitte um Verständnis.



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