1. Einleitung: Der Satz und seine konzeptuelle Tiefe

Meine Hypothese „Life is a Gestalt in time“ – das Leben ist eine Gestalt in der Zeit – erscheint auf den ersten Blick als poetische Verdichtung. Bei näherer Betrachtung entpuppt sie sich als eine philosophisch und psychologisch hochgradig gehaltvolle Denkfigur, die drei fundamentale Kategorien menschlicher Existenz miteinander verschränkt: Ganzheit (Gestalt), Zeitlichkeit (time) und Prozesshaftigkeit (life as a Gestalt).

Anders als in der Alltagssprache, wo „Gestalt“ oft nur „Form“ oder „Figur“ bedeutet, meint der gestaltpsychologische Begriff das Primat des Ganzen gegenüber seinen Teilen: Eine Gestalt ist ein Ganzes, dessen Eigenschaften sich nicht aus der Summe seiner Einzelelemente ableiten lassen. Die Zeitlichkeit – „in time“ – verweist darauf, dass dieses Ganze nicht statisch ist, sondern sich als prozessuale Einheit in der Zeit konstituiert. Das Leben ist demnach kein Nebeneinander isolierter Augenblicke, sondern ein zeitlich ausgedehntes, strukturell gegliedertes Ganzes.

Gestaltpsychologie ist nicht zu verwechseln mit der Gestalttherapie. Die Gestalttherapie entstand etwa 30 Jahre nach der Gestaltpsychologie. Ihr Gründer, Fritz Perls (1893-1970), war ursprünglich Psychoanalytiker. Er hatte in den 1920er Jahren am Frankfurter Institut für Sozialforschung Kontakt zu Gestaltpsychologen wie Kurt Goldstein und Kurt Lewin. Perls' große Leistung war die Übertragung gestaltpsychologischer Einsichten in eine Praxis der Psychotherapie. Die zentralen Fragen der Gestalttherapie sind klinischer Natur: Wie entstehen psychische Störungen? Wie können Menschen Zugang zu ihren unterdrückten Gefühlen finden? Wie können sie blockierte Lebensenergie wieder freisetzen?

Im Folgenden soll gezeigt werden, dass diese Grundidee in unterschiedlichen theoretischen Traditionen – der Gestaltpsychologie Kurt Lewins, der Existenzphilosophie Martin Heideggers, der Analytischen Psychologie C. G. Jungs – auf bemerkenswert konsistente Weise aufgegriffen und entfaltet wird. Diese theoretische Trias bildet das Fundament für eine phänomenologisch orientierte, nicht-reduktionistische Psychotherapie, die – so die abschließende These – der spezifischen Seinsweise autistischer Menschen besser gerecht wird als rein behavioristische Verfahren: Sie pathologisiert nicht, sie bewahrt Identität, und sie ermutigt zu einem Leben nach eigenen Maßstäben.

2. Der Kobayashi-Maru-Test: Eine Metapher für die neurodivergente Alltagsrealität

Bevor wir in die philosophische Tiefe eintauchen, ein Beispiel aus der Populärkultur, das die spätere Argumentation anschaulich machen wird.

Der Kobayashi-Maru-Test aus dem Star-Trek-Universum ist eine Simulationsprüfung an der Sternenflottenakademie. Die Aufgabe: ein havariertes Raumschiff unter feindlichem Beschuss retten. Das Problem: Die Simulation ist von Grund auf so programmiert, dass sie nicht gewonnen werden kann. Egal welche taktischen Entscheidungen der Kadett trifft – das feindliche Schiff ist überlegen, die Zeit zu knapp, die Umstände sind unmöglich. Der Zweck des Tests ist nicht zu prüfen, ob man gewinnen kann. Der Zweck ist zu sehen, wie man mit dem unvermeidbaren Scheitern umgeht.

Für viele autistische Menschen und Menschen mit ADHS ist genau dies die tägliche Realität:

  • Die Arbeitsumgebung, die offene Büros und spontane Meetings liebt (Reizüberflutung pur)
  • Die Familienfeier, bei der drei Stunden Smalltalk erwartet werden
  • Das Schulsystem, das Stillsitzen und gleichzeitiges Bearbeiten mehrerer Aufgaben belohnt
  • Soziale Situationen mit ungeschriebenen Regeln, die alle anderen zu kennen scheinen

All das sind Kobayashi-Maru-Tests des Alltags: Situationen, die von vornherein nicht zu gewinnen sind, wenn man versucht, nach den Regeln der Mehrheitsgesellschaft zu spielen.

Die entscheidende Wendung: Captain James Tiberius Kirk ist der einzige Kadett in der Geschichte der Sternenflotte, der den Kobayashi-Maru-Test „bestanden“ hat. Wie? Er hat die Programmierung des Tests verändert. Er hat heimlich die Parameter so manipuliert, dass ein Sieg möglich wurde. Kirk hat nicht versucht, das ungewinnbare Spiel nach dessen eigenen Regeln zu gewinnen – er hat seine eigenen Regeln aufgestellt.

Dies ist die zentrale Metapher für eine neurodiversitätsaffirmierende Therapiepraxis. Die klassische Verhaltenstherapie (ABA/AVT) versucht, den autistischen Menschen so zu trainieren, dass er den Kobayashi-Maru der „normalen“ Gesellschaft nach deren Regeln besteht – ein Unterfangen, das zum Scheitern verurteilt ist und den Menschen in einen Zustand permanenter Erschöpfung und Selbstentfremdung versetzt. Die gestalttherapeutisch-phänomenologische Alternative hingegen ermutigt den autistischen Menschen, seine eigenen Regeln aufzustellen – und wie Kirk die Simulation zu manipulieren. Sie fragt nicht: „Wie passt du dich an?“ Sondern: „Was brauchst du, um dein Leben nach deinen Maßstäben zu gestalten?“

Diese Metapher wird uns am Ende dieses Artikels wiederbegegnen. Zunächst müssen wir jedoch das philosophische Fundament verstehen, auf dem ein solcher affirmativer Ansatz ruht.

3. Die Gestalt in der Zeit: Kurt Lewins Feldtheorie und das Konzept der Zeit-Gestalt

3.1 Feldtheorie als Grundlage einer dynamischen Psychologie

Kurt Lewin (1890-1947), einer der originellsten Köpfe der Gestaltpsychologie, entwickelte in den 1930er Jahren die Feldtheorie als Antwort auf die seinerzeit dominierenden mechanistischen Stimulus-Response-Modelle. Lewin, der im Berliner Gestaltkreis um Max Wertheimer, Wolfgang Köhler und Kurt Koffka ausgebildet worden war, übertrug das gestalttheoretische Prinzip der Ganzheit auf die Analyse menschlichen Verhaltens.

Der Feldbegriff in der Gestaltpsychologie hat seine Wurzeln in den Naturwissenschaften, insbesondere in der Erforschung elektromagnetischer Felder und der Zeit im Rahmen der Relativitätstheorie. Lewin adaptierte dieses Konzept für die Psychologie. Im weitesten Sinne umfasst das Feld „everything that exists and everything that has the potential to exist in the past, present, and future“ – alles, was existiert und alles, was die Potenz hat, in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu existieren. Das psychologische Feld entspricht dem Teil des Gesamtfeldes, den Lewin als „Lebensraum“ (life space) einer Person bezeichnet: jene Elemente des Feldes, die in der Phänomenologie der Person existieren.

Lewins berühmte Formel B = f(P, E) – Behavior ist eine Funktion von Person und Umwelt – ist mehr als eine bloße Formel. Sie besagt, dass jede Verhaltensäußerung nur aus der totalen Situation, der unauflöslichen Einheit von Person und psychologischer Umwelt, verstanden werden kann.

Was Lewins Ansatz revolutionär machte, war die Erkenntnis, dass der Lebensraum kein additives Nebeneinander von Person- und Umweltvariablen ist. Vielmehr ist er ein Ganzes, dessen Struktur sich topologisch – also in räumlichen Analogien – beschreiben lässt. Das Verhalten einer Person ist die Resultante der in diesem dynamischen Feld wirkenden Kräfte.

3.2 Das Konzept der Zeit-Gestalt

Die eigentliche Pointe von Lewins Theorie – und der Schlüssel zum Verständnis unseres Satzes – liegt in der Ausdehnung des Feldkonzepts auf die Zeitdimension. Lewin erkannte, dass Persönlichkeit nicht nur ein simultanes Gefüge von Faktoren ist, sondern eine „Zeit-Gestalt“ (time Gestalt) – ein in der Zeit ausgedehntes Ganzes.

In den Schriften Lewins und seines Kreises heißt es dazu: „Instead of considering personality as a constellation of simultaneous factors, we must view it as a time Gestalt, i.e., a temporally extended whole. […] Similarly, life as a series of occurrences forms a time Gestalt.“ Das Leben ist demnach nicht die Summe seiner Momente, sondern ein strukturelles Ganzes, das sich in der Zeit entfaltet. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind nicht getrennte Sphären, sondern stehen in einem inneren Zusammenhang.

Diese Einsicht hat weitreichende Konsequenzen für die Psychotherapie: Ein Mensch kann nicht verstanden werden, indem man isolierte Verhaltensweisen analysiert – so, als ob man eine Symphonie verstehen wollte, indem man einzelne Noten unter dem Mikroskop betrachtet. Man muss die Entwicklungsperspektive einnehmen – die Genese, die Transformation, die Kontinuität seiner Gestalt in der Zeit. Psychopathologische Phänomene erscheinen aus dieser Perspektive nicht als isolierte Defekte, sondern als Brüche, Blockaden oder Verzerrungen in der zeitlichen Entfaltung der Person-Umwelt-Ganzheit.

4. Die Zeitlichkeit des Daseins: Martin Heidegger und die Konstitution der Ganzheit

4.1 Die existenziale Analytik des Daseins

Wo Lewin von der „Zeit-Gestalt“ spricht, formuliert Martin Heidegger (1889-1976) in seinem Hauptwerk Sein und Zeit (1927) die philosophische Grundlegung dieser Einsicht. Heidegger verfolgt das Projekt einer Fundamentalontologie: Er fragt nach dem Sein desjenigen Seienden, das sich zu seinem eigenen Sein verhalten kann – des Daseins.

Für Heidegger ist das Dasein nicht einfach „vorhanden“ wie ein Tisch oder ein Stein. Es existiert, das heißt: Es ist sein Sein nicht nur, sondern es hat es zu sein. Diese Struktur nennt Heidegger die Sorge (cura). Die Sorge ist das Sein des Daseins als zeitlich strukturiertes Ganzes.

4.2 Zeitlichkeit als Konstitution der Sorgestruktur

Heideggers zentrale These lautet: Die Einheit und Ganzheit der Sorgestruktur wird durch die Zeitlichkeit ermöglicht. Die Schlüsselpassage lautet: „Die Zeitlichkeit ermöglicht die Einheit von Existenz, Faktizität und Verfallen und konstituiert so ursprünglich die Ganzheit der Sorgestruktur.“ Was bedeutet das? Existenz, Faktizität und Verfallen sind die drei konstitutiven Momente der Sorge:

  • Existenz ist der Entwurfscharakter des Daseins – das Sich-vorweg-Sein, das auf Möglichkeiten bezogen ist (Zukunft).
  • Faktizität ist die Geworfenheit des Daseins – dass es immer schon in eine bestimmte Situation, in bestimmte Traditionen, in einen bestimmten Leib gestellt ist (Vergangenheit).
  • Verfallen ist das alltägliche Aufgehen in der besorgten Umgangswelt (Gegenwart).

Diese drei Momente sind keine zeitlich aufeinanderfolgenden Phasen. Sie sind ekstatische Dimensionen der einen Zeitlichkeit. Die ursprüngliche Einheit dieser drei Ekstasen ist die Zeitlichkeit selbst. Sie ist nicht, sie zeitigt sich.

4.3 Ganzheit als zeitlich vermittelte Struktur

Die Konsequenz für unser Thema: Die Ganzheit des Daseins ist kein statischer Zustand, keine Substanz, kein Telos, das am Lebensende erreicht wird. Sie ist vielmehr durch die Zeitlichkeit konstituiert und zeigt sich im Phänomen der vorlaufenden Entschlossenheit – der eigentlichen Existenzweise, in der das Dasein sein Sein auf den Tod als die unüberholbare Möglichkeit hin entwirft.

Die Parallele zu Lewin ist frappierend: Auch Heidegger betont, dass die Ganzheit nicht in der Analyse isolierter Momente zugänglich ist, sondern nur in einer existenzial-zeitlichen Interpretation, die Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart als Einheit fasst. Die Formel „Life is a Gestalt in time“ findet in Heideggers Sein und Zeit ihre philosophisch radikalste Ausarbeitung – ohne dass Heidegger jemals den Begriff der „Gestalt“ verwendet hätte.

5. Ganzheit und Individuation: C. G. Jungs Psychologie des Selbst

5.1 Der Individuationsprozess als Ganzwerdung

Die dritte Säule unserer theoretischen Trias ist die Analytische Psychologie C. G. Jungs (1875-1961). Jung teilt mit Lewin und Heidegger die Grundüberzeugung, dass seelische Gesundheit nicht in der Anpassung an Normen besteht, sondern im Prozess der Individuation – der Entfaltung der Persönlichkeit zur Ganzheit.

In Jungs Psychologie ist das Selbst (Self) nicht das Ich, sondern das übergreifende Ganze von Bewusstsein und Unbewusstem. Die Individuation ist der lebenslange Prozess, in dem dieses Selbst sich entfaltet. Jung selbst definiert: „Individuation bedeutet: zum Einzelwesen werden, und, insofern wir unter Individualität unsere innerste, letzte und unvergleichbare Einzigartigkeit verstehen, zum eigenen Selbst werden. Man könnte ‚Individuation‘ darum auch als ‚Verselbstung‘ oder als ‚Selbstverwirklichung‘ übersetzen.“ C. A. Meier, einer der engsten Schüler Jungs, formuliert es so: „Die Individuation, die Entwicklung der Persönlichkeit zur Ganzheit, zum Selbst, ist kein Ziel, sondern ein Weg.“ Die Ganzheit ist kein Endzustand, den man erreicht und dann besitzt. Sie ist ein Weg, eine dynamische Prozessualität – genau das, was Lewin und Heidegger als „Zeit-Gestalt“ bzw. „zeitlich konstituierte Ganzheit“ beschreiben. Das Selbst „kristallisiert sich langsam heraus“ und kündigt sich „in Symbolen an, die mit den Archetypen zusammengehören“.

5.2 Individuation als Alternative zur reinen Anpassung

Hier wird der für unser Thema zentrale Punkt erreicht. Jung unterscheidet klar zwischen Anpassung und Individuation – und warnt vor einer einseitigen Betonung der Ersteren auf Kosten der Letzteren. Bei Jung spielt „Anpassung“ zwar eine wesentliche Rolle. Psychische „Krankheit ist […] verminderte Anpassung. Der Mensch muß […] an das äußere Leben — Beruf, Familie, Sozietät — und […] an die vitalen Erfordernisse seiner eigenen Natur“ angepaßt sein. Entscheidend ist aber: Die Vernachlässigung der einen oder der anderen Notwendigkeit kann zur Krankheit führen. Eine reine Anpassung an äußere Normen – ohne Berücksichtigung der eigenen inneren Natur – ist keine Lösung, sondern ein Problem.

Jung beschreibt den Individuationsprozess als einen Entwicklungsschritt, zu dessen Bewältigung ein Konflikt verarbeitet werden muss: „In diesem Konflikt geht es darum, sich über die Normen und Wertvorstellungen anderer (z. B. der Eltern) hinwegzusetzen und zu eigenen Normen und Werten zu finden. Dabei ist es nötig, die Erwartungen anderer zu enttäuschen, Verbote zu übertreten und ein eigenes Maß zur Überwindung ungesunder Anpassung zu finden.“ Dies ist eine radikale Aussage. Sie besagt: Gesunde Entwicklung erfordert die Überwindung von Anpassung. Wer nur lernt, sich anzupassen – wer nur lernt, die Erwartungen anderer zu erfüllen –, der verfehlt sein eigenes Selbst.

Jung verknüpft die Individuation mit der menschlichen Freiheit und dem Gefühl der Würde: „Man kann hier die Frage aufwerfen, warum es denn wünschenswert sei, daß ein Mensch sich individuiere. Es ist nicht nur wünschenswert, sondern sogar unerläßlich, weil durch die Vermischung das Individuum in Zustände gerät und Handlungen begeht, die es uneinig mit sich selber machen. Von jeder unbewußten Vermischung und Unabgetrenntheit geht nämlich ein Zwang aus, so zu sein und zu handeln, wie man selber nicht ist. Man kann darum weder einig damit sein, noch kann man dafür Verantwortung übernehmen. Man fühlt sich in einem entwürdigenden, unfreien und unethischen Zustand.“

5.3 Die Gefahr der Selbstentfremdung durch reine Anpassung

Aus Jungscher Perspektive ist ein autistischer Mensch, der durch Verhaltenstherapie lernt, seine autistischen Züge zu unterdrücken – Blickkontakt zu erzwingen, Stimming zu unterlassen, sich neurotypische Verhaltensweisen anzueignen –, in höchster Gefahr, genau in diesen „entwürdigenden, unfreien und unethischen Zustand“ zu geraten. Er handelt nicht nach Maßgabe seines eigenen Selbst, sondern nach Maßgabe externer Erwartungen. Er wird enteignet – nicht im materiellen, sondern im existenziellen Sinne.

Marianne Meister, eine Jung’sche Psychoanalytikerin, beschreibt diesen Prozess der Selbstentfremdung eindringlich: Wenn ein Mensch von früh auf gezwungen ist, „seine natürlichen Bedürfnisse und Emotionen zurückzustellen und sich widernatürlicherweise an die willkürliche Verfügbarkeit der Eltern anzupassen, stellt sich in ihm das Gefühl eines abgrundtiefen Verlorenseins in einer kalten Welt her“. Ein solcher Mensch, der eine kalte Kindheit überlebt hat, dem es jedoch nicht vergönnt ist, „auf natürliche Weise eine starke Verankerung in sich selbst aufzubauen, muß die ganze Lebensleistung durch die Hilfe des sogenannten falschen Selbst […] erbringen, indem es gelernt hat, einseitig auf Rationalität und Leistung aufzubauen. In der Regel gehen damit die Herausformung von übertriebenem Perfektionismus, von Zwanghaftigkeit und Kontrollbedürfnis, von Rigidität sowie von einem Mangel an Spontaneität und Kreativität einher.“ Diese Beschreibung ist eine geradezu perfekte Phänomenologie dessen, was in der Neurodiversitätsbewegung heute Maskierung oder Camouflaging genannt wird – und was als Hauptrisikofaktor für Autistic Burnout, Depression und Angststörungen identifiziert wurde.

5.4 Neurodiversitätsaffirmierende Praxis als Individuationsförderung

Aus Jungscher Sicht ist eine neurodiversitätsaffirmierende Therapie keine „weiche“ Alternative zur „harten“ Verhaltenstherapie – sie ist die einzig konsequente Anwendung einer Tiefenpsychologie, die den Menschen als Ganzes ernst nimmt. Das Ziel ist nicht die „Symptomkur“, sondern die „Herstellung und Entfaltung der ursprünglichen, potentiellen Ganzheit“. Jung bringt es auf den Punkt: „In dieser Durchbildung der Persönlichkeit zur Ganzheit liegt wohl das Ziel einer Psychotherapie, welche den Anspruch erhebt, nicht bloße Symptomkur zu sein.“

Für autistische Menschen bedeutet dies: Die Therapie darf nicht darauf abzielen, autistische Verhaltensweisen zu eliminieren, weil sie in einer neurotypischen Umgebung „auffallen“. Sie muss vielmehr darauf abzielen, den autistischen Menschen dabei zu unterstützen, seine eigene Identität zu entfalten und zu bewahren – und sich dann eine Umgebung zu schaffen (oder zu suchen), in der diese Identität leben kann. In der Praxis bedeutet dies: Stimming wird nicht unterdrückt, sondern als Regulationshilfe verstanden und akzeptiert. Spezialinteressen werden nicht als „Spleen“ abgetan, sondern als Quelle von Kompetenz und Freude gefördert. Soziale Kontakte werden nicht nach neurotypischen Standards „trainiert“, sondern es wird gemeinsam nach Formen von Begegnung gesucht, die dem autistischen Menschen entsprechen.

6. Die Gestalttherapie als Synthese: Phänomenologische Psychotherapie im Spannungsfeld von Lewin, Heidegger und Jung

6.1 Grundprinzipien der Gestalttherapie

Die Gestalttherapie, begründet von Fritz und Laura Perls in den 1940er Jahren, ist die praktische Umsetzung der hier skizzierten theoretischen Einsichten. Sie ist keine bloße „Anwendung“ der Lewinschen Feldtheorie oder der Heideggerschen Existenzphilosophie, wohl aber eine phänomenologisch-existentialistische Psychotherapie, die deren Grundgedanken in sich aufgenommen hat.

Das grundlegende Verständnis der Gestalttherapie lässt sich mit den Worten von Gary Yontef präzise erfassen: „When adequately elaborated, the basic method of Gestalt therapy can be traced to the phenomenological field theory of Gestalt psychology. Gestalt therapy differs from Gestalt psychology not because of a difference in philosophy or method, but because of different contexts; the clinical context has different demands than those of basic research.“

Diese Unterscheidung ist für das Verständnis des Verhältnisses beider Disziplinen zentral. Die Gestalttherapie teilt mit der Gestaltpsychologie die phänomenologische Feldtheorie als grundlegende Methode, die sich durch fünf Merkmale auszeichnet: (1) Vertrauen auf die unmittelbare, totale Erfahrung, (2) Suche nach der inneren Struktur des Ganzen im Wahrnehmungsfeld, (3) systematische Experimente zur Beschreibung der untersuchten Phänomene, (4) die Suche nach Einsicht in den Bewusstwerdungsprozess selbst und (5) Intentionalität .

Yontef betont weiter: „Gestalt psychology is largely a content psychology. Gestalt therapy transforms the Gestalt method into a psychology system that is both act- and content-oriented; it is an existential psychotherapy. Gestalt therapy shifts the emphasis of Gestalt psychology from essence to existence.“ Mit anderen Worten: Die Gestaltpsychologie fragt: „Was ist die Struktur der Wahrnehmung?“ Die Gestalttherapie fragt: „Wie lebt dieser Mensch mit seiner Wahrnehmung? Wie kann er blockierte Lebensenergie wieder freisetzen?“

Aus dieser Grundhaltung ergeben sich die Kernprinzipien der Gestalttherapie:

  • Das Hier und Jetzt – nicht als Verleugnung von Vergangenheit und Zukunft, sondern als Fokus auf den gegenwärtigen Erfahrungsprozess, in dem Vergangenheit und Zukunft als „Mitbestimmer“ wirksam sind. Die Gestalttherapie betont, dass die Vergangenheit nicht in der Vergangenheit bleibt, sondern als „unfinished business“ – als unerledigte Situation – in der Gegenwart wirksam ist .
  • Das Ganze vor den Teilen – Symptome werden nicht isoliert betrachtet, sondern als Ausdruck einer umfassenderen Feldkonstellation. Die Gestalttherapie versteht den Menschen als eine untrennbare Einheit von Körper, Geist und Seele, die nur in ihrem Umweltfeld verstanden werden kann.
  • Kreative Anpassung – Jedes Verhalten, auch pathologisches, ist eine kreative (wenn auch schmerzhafte) Anpassung des Organismus an seine Umweltbedingungen.

Ein zentrales Konzept der Gestalttherapie ist die „Figur/Grund-Dynamik“. Aus gestaltpsychologischer Perspektive nimmt unser Wahrnehmungsapparat immer eine bestimmte Figur vor einem Hintergrund wahr. Die Gestalttherapie überträgt dieses Prinzip auf die psychische Gesundheit: Ein gesunder Mensch kann klar zwischen dem, was gerade wichtig ist (Figur), und dem, was im Hintergrund bleibt, unterscheiden. Der psychisch belastete Mensch hingegen ist mit verschwommenen oder blockierten Figuren beschäftigt – unerledigte Situationen drängen sich in den Vordergrund, ohne dass sie zu einem Abschluss gebracht werden können. Die Therapie hilft, die jeweils drängendste unerledigte Situation als Figur in den Fokus zu rücken und zu bearbeiten .

6.2 Die phänomenologische Haltung in der Arbeit mit autistischen Menschen

Für die Arbeit mit autistischen Menschen ist die phänomenologische Grundhaltung der Gestalttherapie von besonderer Bedeutung. Anders als die Verhaltenstherapie, die Verhalten von außen beobachtet, kategorisiert und zu verändern sucht, versucht die phänomenologische Haltung, die innere Erfahrungswelt des autistischen Menschen zu verstehen.

Wie Gonçalves (2025) in ihrer grundlegenden Studie zum Thema formuliert: „O sintoma então não é considerado um problema a ser solucionado, mas a melhor forma como a criança pôde se autorregular em determinado meio“ – Das Symptom wird nicht als ein zu lösendes Problem betrachtet, sondern als die beste Form, die das Kind in einer bestimmten Umgebung zur Selbstregulation finden konnte . Die Frage ist nicht: „Was zeigt dieses Kind an Verhalten, das wir als Problem definieren?“ Die Frage lautet: „Welche Funktion erfüllt dieses Verhalten für den Organismus in seinem gegenwärtigen Feld?“

Die Autorin verwendet die Metapher des Kaleidoskops, um das gestalttherapeutische Verständnis von Autismus zu verdeutlichen: Die diagnostischen Parameter sind analog zur äußeren Struktur des Kaleidoskops; das Innere jedoch – das, was sich bei jeder Drehung neu anordnet – ist analog zum einzelnen autistischen Menschen, „pois ali emergem combinações singulares e variadas, de formas e cores que parecem jamais se repetir“ – denn dort entstehen einzigartige und vielfältige Kombinationen von Formen und Farben, die sich scheinbar niemals wiederholen . Diese Metapher bringt die gestalttherapeutische Grundüberzeugung zum Ausdruck, dass jeder autistische Mensch eine einzigartige Gestalt ist, die sich nicht in der Summe diagnostischer Merkmale erschöpft.

Ein Beispiel: Ein autistisches Kind, das bei Überreizung anfängt zu schaukeln (Stimming), tut dies nicht, weil es ein „Verhaltensproblem“ hat oder sich „unangemessen verhält“. Es tut dies, weil sein Nervensystem auf diese Weise seine Überflutung reguliert. Das Schaukeln ist eine kreative Anpassung an eine Umwelt, die nicht auf die Bedürfnisse dieses Nervensystems abgestimmt ist. Die verhaltenstherapeutische Intervention zielt auf die Unterdrückung des Schaukelns. Die gestalttherapeutische Intervention zielt auf die Veränderung des Feldes: Weniger Reizüberflutung, mehr Rückzugsmöglichkeiten, Akzeptanz des Stimming als Regulationshilfe – oder allenfalls die Arbeit an alternativen, sozial weniger auffälligen Regulationsstrategien, wenn der autistische Mensch dies selbst wünscht.

6.3 Konkrete Methoden der Gestalttherapie und ihre Anwendung bei Autismus

Die Gestalttherapie verfügt über ein reichhaltiges Methodenrepertoire, das sich für die Arbeit mit autistischen Menschen als besonders geeignet erweist :

  1. Das Hier-und-Jetzt-Prinzip: Der Therapeut lenkt die Aufmerksamkeit konsequent auf die gegenwärtigen Erfahrungen, Gedanken und Emotionen. Für autistische Menschen, die oft mit Grübelschleifen oder Zukunftsängsten kämpfen, bietet dieser Fokus eine Entlastung. Die Frage lautet nicht: „Warum bist du gestern zusammengebrochen?“ Sondern: „Was spürst du jetzt, während du davon erzählst?“
  2. Gewahrseinsübungen (Awareness): Diese Übungen lenken die Aufmerksamkeit auf Atmung, Körperempfindungen und Emotionen – ohne Bewertung. Für autistische Menschen mit verstärkter oder abgeschwächter interozeptiver Wahrnehmung sind diese Übungen eine Möglichkeit, den eigenen Körper besser zu verstehen.
  3. Experimente: Der Therapeut schlägt spontane, kreative Handlungen vor, die neue Erfahrungen ermöglichen. Dies könnte bedeuten: „Stell dir vor, deine Angst ist ein Gegenstand. Wie würde er aussehen? Was würde er sagen?“
  4. Dialog und Beziehung: Die Gestalttherapie betont die dialogische Beziehung zwischen Therapeut und Klient, die von Echtheit, Empathie („Inklusion“) und der Verpflichtung zum Dialog geprägt ist . Der Therapeut ist kein allwissender Experte, der Verhalten formt, sondern ein gleichberechtigter Begleiter.
  5. Das Prinzip der organismischen Selbstregulation: Die Gestalttherapie vertraut darauf, dass der Klient selbst weiß, was er braucht. Die Aufgabe der Therapie ist es, Blockaden zu lösen, damit dieser Selbstregulationsprozess wieder fließen kann. Bei autistischen Menschen bedeutet dies: Sie sind die Experten für ihr eigenes Leben. Der Therapeut hilft ihnen, Zugang zu diesem Wissen zu finden – er ersetzt es nicht durch externe Normen.

6.4 Kompatibilität mit dem DIR/Floortime-Modell

Die Gestalttherapie weist auffällige konzeptuelle Überschneidungen mit dem DIR/Floortime-Modell von Stanley Greenspan auf, einem der bekanntesten entwicklungsorientierten Ansätze für autistische Kinder. Wie Gonçalves in ihrer vergleichenden Studie feststellt, teilen beide Ansätze eine ganzheitliche Sicht auf Entwicklung und die Überzeugung, dass „o poder das relações, como a chave para este processo de desenvolvimento“ – die Kraft der Beziehungen der Schlüssel zum Entwicklungsprozess ist .

Die Gemeinsamkeiten sind signifikant:

  • Phänomenologische Grundhaltung: Beide Ansätze versuchen, das Kind in seiner subjektiven Erfahrungswelt zu verstehen, statt von außen Verhaltensziele zu definieren.
  • Beziehungszentriertheit: Nicht die Technik, sondern die therapeutische Beziehung ist das zentrale Medium der Veränderung.
  • Entwicklungsperspektive: Beide Modelle betonen die zeitliche Dimension – das Verständnis des Kindes als sich entwickelnde Gestalt in der Zeit.

Der Unterschied liegt im therapeutischen Fokus: Während DIR/Floortime ein strukturierteres entwicklungsorientiertes Programm ist, betont die Gestalttherapie stärker die phänomenologische Offenheit und den dialogischen Prozess – eine Haltung, die weniger technikorientiert ist und dem autistischen Menschen größere Autonomie im therapeutischen Prozess einräumt .

6.5 Der entscheidende Unterschied: Identitätsbewahrung versus Identitätsverlust

Hier liegt der grundlegende Unterschied zwischen einer neurodiversitätsaffirmierenden gestalttherapeutischen Praxis und einer rein verhaltenstherapeutischen (ABA/AVT) Praxis:

Aspekt

Verhaltenstherapie (ABA/AVT)

Gestalttherapie / phänomenologischer Ansatz

Fokus

Verhalten von außen

Innere Erfahrungswelt des Subjekts

Ziel

Anpassung an neurotypische Normen (Normalisierung)

Individuation – Entfaltung der eigenen Identität

Umgang mit autistischen Verhaltensweisen

Definition als „Problemverhalten“, das eliminiert werden muss

Verständnis als kreative Selbstregulation, die akzeptiert wird

Rolle des Therapeuten

Trainer, der Verhalten formt

Begleiter, der Verstehen ermöglicht

Langfristige Wirkung

Maskierung, Selbstentfremdung, Risiko für Burnout und Depression

Identitätsbewahrung, Selbstakzeptanz, geringeres Maskierungsrisiko

Zugrundeliegendes Menschenbild

Der Mensch als defizitäres System, das repariert werden muss

Der Mensch als prozessuale Gestalt, die sich entfalten will

Die Jung’sche Individuationstheorie liefert die theoretische Grundlage für die Überlegenheit des letzteren Ansatzes: Wer nur Anpassung lernt, verliert sich selbst. Wer jedoch die Möglichkeit hat, seine eigene Identität zu entfalten – auch wenn diese Identität nicht den Mehrheitsnormen entspricht –, der kann ein Leben in Würde und Selbstverantwortung führen. Die Forschung bestätigt diese Perspektive: Maskierung ist mit erheblichen psychischen Kosten verbunden – erhöhte Raten von Depressionen, Angststörungen und Burnout sind die Folge. Die Verhaltenstherapie, die auf Normalisierung abzielt, riskiert genau diese Folgen zu produzieren. Die gestalttherapeutische Alternative hingegen zielt darauf ab, sie zu verhindern.

6.6 Wirksamkeit der Gestalttherapie

Die Forschung zur Wirksamkeit der Gestalttherapie hat in den letzten Jahren bedeutende Fortschritte gemacht. Eine umfassende Wirksamkeitsstudie aus dem Jahr 2011 mit 135 Klienten zeigte, dass Gestalttherapie anderen therapeutischen Modalitäten in ihrer Wirksamkeit gleichwertig ist – insbesondere im Hinblick auf Wohlbefinden, psychosoziale Gesundheit und Selbstermächtigung .

Spezifische Befunde zur Wirksamkeit umfassen:

  • Bei Depression zeigte die Integration gestalttherapeutischer Methoden (insbesondere der „empty chair“-Technik) signifikante Wirksamkeit bei der Reduktion von Depressionssymptomen .
  • Bei Angststörungen konnten Gestalt-Interventionen in einer Studie mit 156 Eltern nachweislich die Angstsymptome reduzieren .
  • Bei posttraumatischen Belastungsstörungen erwies sich die dialogische Expositions-Therapie, die aus der Gestalttherapie abgeleitet ist, als signifikant wirksam .

Für die spezifische Anwendung bei Autismus ist die Forschungslage noch dünn. Wie Cardoso (2022) in ihrer systematischen Übersichtsarbeit feststellt, verfügt die Gestalttherapie über einen theoretischen Rahmen, der Interventionen bei Menschen im Autismus-Spektrum ermöglicht – allerdings aus einer anderen Perspektive als die derzeit verbreiteten Praktiken. Die Autorin betont: Die Gestalttherapie „has a theoretical framework that allows intervention with people within the Autistic Spectrum, but from a different perspective than the currently widespread practices“ . Es bedarf weiterer Forschung mit Ergebnissen zur Entwicklung der Behandlung von Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung .

7. Der Kobayashi-Maru-Test als philosophische Metapher: Manipulation der eigenen Regeln

Kehren wir nun zu unserem eingangs eingeführten Beispiel zurück. Der Kobayashi-Maru-Test ist mehr als eine nette Popkultur-Referenz – er ist eine philosophische Parabel über den Umgang mit struktureller Ungerechtigkeit.

Die neurotypische Mehrheitsgesellschaft stellt neurodivergenten Menschen ständig Tests, die sie nicht bestehen können – nicht weil sie unfähig wären, sondern weil die Regeln dieser Tests von und für neurotypische Menschen gemacht wurden. Die Anforderungen an Blickkontakt, an die Verarbeitung von Hintergrundgeräuschen, an die Fähigkeit, nonverbale soziale Signale spontan zu dekodieren – all das sind Regeln eines Spiels, das für ein anderes Nervensystem konzipiert wurde.

Die verhaltenstherapeutische Antwort auf diese Situation lautet: Trainiere den autistischen Menschen darin, diese Regeln zu lernen. Übe Blickkontakt. Übe Smalltalk. Trainiere die Unterdrückung von Stimming. Mit anderen Worten: Versuche, den autistischen Menschen so zu verändern, dass er den Kobayashi-Maru nach dessen eigenen Regeln besteht. Die Geschichte der Verhaltenstherapie zeigt, dass dies zu einem gewissen Grad gelingt – aber zu einem Preis. Der Preis ist die Selbstentfremdung, das Maskieren, der Burnout.

Die gestalttherapeutisch-jungsche Antwort lautet anders: Manipuliere den Test. Stelle deine eigenen Regeln auf. Suche oder schaffe dir Umgebungen, in denen deine Art zu sein kein Nachteil ist. Kommuniziere deine Bedürfnisse klar – und wenn andere das nicht akzeptieren, dann sind das nicht die richtigen Menschen für dich.

Captain Kirk hat den Kobayashi-Maru-Test nicht bestanden, indem er ein besserer Kadett wurde. Er hat ihn bestanden, indem er aufgehört hat, Kadett zu sein, und angefangen hat, Kirk zu sein – derjenige, der die Regeln hinterfragt und verändert. Genau dies ist die Botschaft einer neurodiversitätsaffirmierenden Therapie: Du musst nicht versuchen, ein besserer Neurotypiker zu sein. Du musst lernen, dein eigenes Leben nach deinen eigenen Maßstäben zu gestalten.

Die ACT-Therapie (Akzeptanz- und Commitment-Therapie), die in ihren Grundprinzipien große Nähe zur Gestalttherapie aufweist, formuliert dies in ihrer Grundfrage: Nicht „Wie werde ich dieses Problem los?“, sondern „Was ist mir wirklich wichtig im Leben? “ – und dann: „Wie kann ich trotz der Hindernisse in diese Richtung gehen? “ Für den autistischen Menschen bedeutet dies: Die Reizüberflutung wird nicht verschwinden. Aber vielleicht ist das auch gar nicht nötig. Vielleicht kann ich lernen, sie früher zu erkennen, mich zurückzuziehen, bevor sie eskaliert – und dann wiederzukommen, wenn ich kann. Das ist keine Niederlage. Das ist Selbstermächtigung.

8. Diskussion: Warum die gestalttherapeutische Perspektive der Verhaltenstherapie überlegen ist

8.1 Die philosophische Fundierung der Überlegenheit

Die vorangegangenen Ausführungen erlauben nun eine präzise Formulierung der These, dass eine gestalttherapeutisch-phänomenologische Praxis einer rein verhaltenstherapeutischen Praxis für autistische Menschen prinzipiell überlegen ist. Diese Überlegenheit ist nicht bloß eine Frage der empirischen Evidenz (wo die Studienlage, wie wir gesehen haben, gemischt ist) – sie ist eine Frage des zugrundeliegenden Menschenbildes.

Die Verhaltenstherapie basiert – zumindest in ihrer klassischen Form – auf einem mechanistischen Menschenbild: Der Mensch ist ein System von Stimuli und Responses, von Verstärkern und Bestrafungen. Dieses Menschenbild ist nicht „falsch“ im Sinne von unbrauchbar – es hat in bestimmten Kontexten durchaus praktischen Wert. Aber es ist unvollständig. Es reduziert den Menschen auf das, was von außen beobachtbar ist – und blendet die Innenperspektive, die subjektive Erfahrung, die phänomenologische Dimension des Menschseins aus. Genau hier setzt die fundamentale Kritik der phänomenologischen Tradition an.

Die gestalttherapeutisch-phänomenologische Tradition – fundiert durch Lewin, Heidegger und Jung – stellt dieser Reduktion ein holistisches Menschenbild entgegen. Der Mensch ist nicht nur ein Verhaltenssystem; er ist eine projektierende, sich entwerfende, nach Sinn und Ganzheit strebende Existenz. Die Reduktion des Menschen auf sein beobachtbares Verhalten ist keine „wertneutrale“ methodische Entscheidung – sie ist eine existenzielle Verkürzung, die dem, was den Menschen zum Menschen macht, nicht gerecht wird.

Der phänomenologische Imperativ der Gestalttherapie lautet: Der Therapeut muss sich seiner eigenen Vorannahmen bewusst sein und bereit sein, sie zugunsten der unmittelbaren Erfahrung des Klienten zurückzustellen. Die Gestalttherapie betont die Bedeutung des hypothesenfreien Wahrnehmens. Oft seien Therapeuten „verliebt in ihre Einfälle und verwechselten dann ihre persönliche Wahrheit mit der des Anderen“. Gestalttherapeuten regen – in sokratischer Weise – die Selbstdeutung an .

Für autistische Menschen, die oft ein Leben lang Erfahrungen mit Reduktion, Pathologisierung und Fremdbestimmung gemacht haben, ist diese philosophische Unterscheidung von existenzieller Bedeutung. Die Verhaltenstherapie sagt: „Dein Verhalten ist das Problem. Wir werden es verändern.“ Die gestalttherapeutische Alternative sagt: „Dein Verhalten ist eine sinnvolle Antwort auf deine Situation. Lass uns gemeinsam verstehen, was du brauchst, und dann schauen, ob wir Wege finden, dein Leben zu verbessern – ohne dass du aufhörst, du selbst zu sein.“

8.2 Die ethische Dimension: Individuation statt Normalisierung

Aus der Perspektive der Analytischen Psychologie C. G. Jungs lässt sich die Überlegenheit des gestalttherapeutischen Ansatzes noch schärfer fassen: Es ist nicht nur eine Frage der Wirksamkeit, sondern eine Frage der Ethik. Jung war sich bewusst, dass „Normalisierung“ um den Preis der Entfremdung vom eigenen Selbst erkauft werden kann. Die Individuation, nicht die Assimilation an kollektive Normen, ist das Ziel seelischer Reifung. Wer nur Anpassung lernt, verliert sich selbst. Wer jedoch die Möglichkeit hat, seine eigene Identität zu entfalten – auch wenn diese Identität nicht den Mehrheitsnormen entspricht –, der kann ein Leben in Würde und Selbstverantwortung führen.

Aus dieser Perspektive ist eine Therapie, die um den Preis der Selbstentfremdung Verhaltensänderungen bewirkt, nicht nur weniger wirksam – sie ist ethisch problematisch. Sie behandelt den autistischen Menschen nicht als Subjekt seiner eigenen Entwicklung, sondern als Objekt von Fremddefinition. Sie verfehlt das eigentliche Ziel von Psychotherapie, das Jung als die „Durchbildung der Persönlichkeit zur Ganzheit“ beschrieben hat .

8.3 Die Grenzen der Evidenzbasierung

Die Forschungslage zu gestalttherapeutischen Interventionen bei Autismus ist, wie erwähnt, noch dünn. Dies ist jedoch nicht notwendigerweise ein Indiz für mangelnde Wirksamkeit – es ist auch ein Indiz für Forschungsdesiderate, die aus der Geschichte der Gestalttherapie (die sich lange gegen empirische Überprüfung sperrte) und aus Finanzierungsproblemen resultieren. Die Dominanz der Verhaltenstherapie in der Autismusforschung ist nicht allein durch ihre Überlegenheit begründet – sie ist auch das Ergebnis von institutionellen Pfadabhängigkeiten, Förderstrukturen und einem bestimmten, eng gefassten Evidenzverständnis.

Wie die Kritik von Schea Fissel Brannick (2025) zeigt, kann die ausschließliche Fokussierung auf randomisiert-kontrollierte Studien als Evidenzstandard riskante klinische Entscheidungen nach sich ziehen. Ein ausgewogeneres Modell der evidenzbasierten Praxis würde Forschungsergebnisse, klinische Expertise und Patientenpräferenzen integrieren – insbesondere die Präferenzen der autistischen Community selbst. Und diese Präferenz geht, wie Umfragen zeigen, klar in Richtung affirmativer, nicht-normalisierender Ansätze.

8.4 Der therapeutische Imperativ

Die entscheidende Frage ist nicht nur „Was wirkt?“ – sondern „Was wirkt wofür und zu welchem Preis? “ Die Verhaltenstherapie wirkt – in gewissem Maße – bei der Anpassung von Verhalten an externe Normen. Aber der Preis dafür kann hoch sein: Maskierung, Selbstentfremdung, psychische Folgeerkrankungen. Die gestalttherapeutische Alternative wirkt – so die theoretische und erste empirische Evidenz – bei der Identitätsentwicklung, der Selbstakzeptanz und der Reduktion von Maskierungsdruck. Dieser Wirkungsbereich ist für das langfristige Wohlbefinden autistischer Menschen von zentraler Bedeutung.

Der therapeutische Imperativ, der sich aus dieser Analyse ergibt, lautet daher: „Erstens: Tue keinen Schaden.“ Eine Therapie, die um den Preis der Selbstentfremdung Verhaltensänderungen bewirkt, tut Schaden – auch wenn sie kurzfristig „erfolgreich“ ist im Sinne von Anpassung. Eine Therapie, die die Identität des autistischen Menschen respektiert und seine Autonomie stärkt, ist nicht nur „nett“ – sie ist ethisch geboten und therapeutisch überlegen.

9. Fazit: Gestalt in der Zeit – ein Aufruf zur Selbstermächtigung

„Life is a Gestalt in time.“ Diesem Satz liegt die Einsicht zugrunde, dass ein menschliches Leben nicht in isolierten Verhaltensmomenten aufgeht, sondern eine zeitlich ausgedehnte, strukturell gegliederte Ganzheit bildet. Diese Einsicht verbindet die Feldtheorie Kurt Lewins, die Existenzphilosophie Martin Heideggers und die Analytische Psychologie C. G. Jungs zu einer kohärenten theoretischen Grundlage für eine Psychotherapie, die den Menschen als Ganzes ernst nimmt.

Für autistische Menschen bedeutet diese Perspektive eine grundlegende Neuorientierung des therapeutischen Blicks: weg von der Defizitorientierung und Normalisierung, hin zur Anerkennung und Entfaltung der eigenen Identität. Die Verhaltenstherapie, so nützlich sie in bestimmten Bereichen sein mag, riskiert, genau diese Identitätsentwicklung zu behindern – indem sie autistische Verhaltensweisen als „Störungen“ definiert, die eliminiert werden müssen, und indem sie den autistischen Menschen in die Rolle desjenigen drängt, der sich einer fremden Norm anzupassen hat.

Die gestalttherapeutisch-phänomenologische Alternative hingegen bietet die Möglichkeit, sich selbst nicht zu verlieren, während man wächst. Sie erlaubt es dem autistischen Menschen, seinen eigenen Weg zu finden – nicht den Weg, den die Mehrheitsgesellschaft für ihn vorgesehen hat. Sie stärkt seine Autonomie, statt sie zu untergraben. Sie respektiert seine Andersartigkeit als Ausdruck seiner individuellen Gestalt in der Zeit.

Der Kobayashi-Maru-Test lehrt uns: Du musst das ungewinnbare Spiel nicht nach dessen eigenen Regeln spielen. Du kannst – wie Captain Kirk – die Regeln verändern. Du kannst deine eigenen Bedingungen schaffen. Du kannst das Spiel so manipulieren, dass es für dich spielbar wird. Das ist keine Kapitulation. Das ist der höchste Akt der Selbstermächtigung.

Ein aufmunterndes Schlusswort

Liebe autistische Leserinnen und Leser, liebe ADHSler*innen, liebe alle, die sich täglich in einem ungewinnbaren Test wiederfinden:

Euer Leben ist eine Gestalt in der Zeit. Diese Gestalt ist nicht falsch, nicht defekt, nicht korrekturbedürftig – sie ist einfach anders als die der Mehrheit. Die Herausforderungen, die sich aus dieser Andersartigkeit ergeben, sind real. Aber sie bedeuten nicht, dass ihr versagt habt. Sie bedeuten nur, dass ihr ein Spiel spielt, dessen Regeln nicht für euch gemacht wurden.

Die gute Nachricht ist: Ihr müsst dieses Spiel nicht nach dessen Regeln spielen. Ihr habt die Erlaubnis – nein, ihr habt das Recht –, eure eigenen Regeln aufzustellen. Sucht euch Umgebungen, die zu euch passen. Kommuniziert eure Bedürfnisse. Akzeptiert eure Grenzen – nicht als Zeichen von Schwäche, sondern als Teil eurer Gestalt. Und findet Wege, euer Leben nach euren eigenen Maßstäben zu leben.

Das ist keine leichte Aufgabe. Es erfordert Mut, die Erwartungen anderer zu enttäuschen. Es erfordert Kraft, sich gegen Normalisierungsdruck zu behaupten. Aber es ist möglich. Und es ist der einzige Weg zu einem Leben, das nicht nur funktioniert, sondern auch eures ist.

Der erste Schritt könnte unter Umständen sein, sich eine therapierende Person zu suchen, die Raumschiff  Enterprise kennt.

Lebe lang – und in Frieden. (Mit dir selbst) 🖖

Dieser Artikel ersetzt oder ergänzt keinesfalls eine medizinische oder therapeutische Behandlung oder Beratung. Holen Sie sich bei Bedarf Hilfe von qualifizierten Fachpersonen.

Literatur

  1. Sonne, M., & Tønnesvang, J. (2018). The field. In Integrative Gestalt Practice. Taylor & Francis.
  2. Gonçalves, A. L. M. (2025). O transtorno do espectro autista sob enfoque da Gestalt-terapia: um diálogo com o modelo DIR/Floortime. Revista IGT na Rede, 22(42), 1-27.
  3. Ramu, A., & McNamara, S. (2025). Gestalt Therapy. StatPearls Publishing.
  4. Cardoso, J. A. (2022). Gestalt therapy in the treatment of autism spectrum disorder - ASD. A possible intervention. IGT rede, 19(36), 62-75.
  5. Jung, C. G. (1933). Individuation. In Gesammelte Werke.
  6. Wikipedia-Autoren. (2025). Gestalttherapie. In Wikipedia, Die freie Enzyklopädie.
  7. Hartmann-Kottek, L. (2012). Gestalttherapie (3. Aufl.). Springer.
  8. Meier, C. A. (o.J.). Persönlichkeit: Der Individuationsprozess im Lichte der Typologie C.G. Jungs.
  9. Heidegger, M. (1986) [1927]. Sein und Zeit. Niemeyer.
  10. Yontef, G. M. (1981). Gestalt Therapy: Its Inheritance from Gestalt Psychology. ERIC ED214061.
  11. Blankertz, S., & Doubrawa, E. (Hrsg.). Lexikon der Gestalttherapie.



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