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Die Sprache der Staerke - Maori

Die Sprache der Stärke: Wie die Maori Neurodivergenz neu definieren

von Stefan Lukas  –  30.08.2026  -  Lesezeit: 5min   -  Bilder KI-generiert

Von der Defizitsicht zur Wertschätzung – ein neuseeländisches Konzept regt zum Umdenken an

Stellen Sie sich vor, Autismus würde nicht als „Störung“, sondern als "sein eigener Raum und seine eigene Zeit" bezeichnet. Was wie ein poetischer Gedanke klingt, ist in der Sprache der neuseeländischen Maori längst Realität. Die Begriffe Takiwātanga für Autismus und Aroreretini für ADHS sind Teil eines tiefgreifenden kulturellen Wandels, der europäische Vorstellungen von "Behinderung" und "Defizit" grundlegend in Frage stellt.

Die Geburt einer neuen Sprache

Im Jahr 2017 schuf Keri Opai, ein Experte für Maori-Sprache und -Kultur, gemeinsam mit der Gemeinschaft über 200 neue Begriffe für die Bereiche psychische Gesundheit, Sucht und Behinderung. Die Sammlung trägt den Namen Te Reo Hāpai – "Die Sprache der Bereicherung". Doch es ging Opai nicht nur darum, Sprachlücken zu füllen. Sein Ziel war es, Begriffe zu schaffen, die die Würde (mana) der Menschen stärken und nicht – wie viele Bezeichnungen – defizit- oder krankheitsorientiert sind.

Die Philosophie dahinter fasst ein maorischer Grundsatz zusammen: "He mana tō te kupu" – "Worte haben große Macht" . Sie können den Geist eines Menschen brechen oder ihn aufrichten. Aus dieser Überzeugung heraus entstanden Begriffe, die eine völlig neue Perspektive eröffnen.

Zwei Begriffe, eine neue Welt

Takiwātanga – Autismus: Die wörtliche Übersetzung lautet "sein eigener Raum und seine eigene Zeit". Opai entwickelte diesen Begriff aus einer jahrzehntelangen Freundschaft mit einem autistischen Menschen und der Erfahrung, dass autistische Menschen oft in einem eigenen Rhythmus und einer eigenen Wahrnehmung leben. Die Reaktion der Gemeinschaft war überwältigend. Ein Vater berichtete, dass sein autistischer Sohn den Begriff mit Stolz trage – eine Erfahrung, die im englischsprachigen Raum mit dem oft negativ konnotierten "autism" selten möglich ist.

Aroreretini – ADHS: Wörtlich bedeutet es "Aufmerksamkeit geht zu vielen Dingen". Statt die Unfähigkeit zur Konzentration oder die klassischen Symptome wie Unruhe in den Vordergrund zu stellen, betont der Begriff die Fähigkeit, sich für viele Dinge gleichzeitig zu interessieren. Menschen mit ADHS fühlten sich durch diese positive Umdeutung gestärkt und ermutigt.

Mehr als nur Übersetzung: Eine andere Weltsicht

Die Begriffe sind keine einfachen Übersetzungen, sondern Ausdruck einer grundlegend anderen Weltsicht – des Te Ao Māori (der maorischen Weltanschauung). In dieser Perspektive wird der Mensch nicht als isoliertes Individuum mit Mängeln betrachtet, sondern als Teil eines Netzwerks von Beziehungen: zur Familie (whānau), zu den Vorfahren, zur Natur und zur geistigen Welt.

Auch der Begriff für "behindert" selbst wurde neu gedacht: Whaikaha bedeutet "Stärke haben" oder "anders fähig sein". Die Betonung liegt nicht auf dem, was eine Person nicht kann, sondern auf ihrer einzigartigen Art zu sein und ihren spezifischen Fähigkeiten. Dieses Denken findet zunehmend Eingang in die Bildungspolitik. Das neuseeländische Bildungsministerium verknüpft in seinen Konzepten Neurodivergenz explizit mit der maorischen Vorstellung von Begabung, die Identität, Sprache und Kultur als Kernelemente sieht.

Ein Modell mit Strahlkraft – und Herausforderungen

Die Begriffe aus Te Reo Hāpai haben weltweit Aufmerksamkeit erregt. Mediziner, Neurowissenschaftler und indigene Gemeinschaften auf allen Kontinenten zeigten sich interessiert an diesen stärkenden, mana-aufbauenden Konzepten. Ein chilenisch-neuseeländisches Forschungsprojekt untersucht nun, wie solche indigenen Perspektiven auf Neurodivergenz für die Aymara- und Mapuche-Gemeinschaften in Chile nutzbar gemacht werden können.

Dennoch wäre es verklärend, die Situation der Maori als idyllisch zu beschreiben. Die Realität ist von strukturellen Ungleichheiten geprägt. In Neuseeland sind Maori in vielen negativen Statistiken überrepräsentiert, sei es im Gesundheitswesen, im Bildungssystem oder im Justizsystem. Die Sprache allein löst diese Probleme nicht, aber sie bietet einen Schlüssel für ein neues Verständnis.

Was Europa lernen kann

Die maorische Perspektive ist keine Esoterik, sondern ein praktischer Paradigmenwechsel. Sie lädt uns ein, den diagnostischen und vor allem den therapeutischen Blick zu hinterfragen, der so oft das Fehlende, das Defizitäre in den Vordergrund stellt und zu korrigieren sucht. Wenn wir anfangen, von "seiner eigenen Zeit und seinem eigenen Raum" statt von einer "tiefgreifenden Entwicklungsstörung" zu sprechen, verändert das nicht nur die Fremd- und Eigenwahrnehmung der betroffenen Person, sondern auch unser gesamtes Verständnis als Gesellschaft.

Auch ich merke immer wieder beim Verfassen von Texten, wie sich defizitäre oder ausgrenzende Begriffe wie „Neurotypisch“ „Autismus-Spektrum-Störung“  „Anpassung“ usw. einschleichen wollen. Auch ich muss an meinem angelernten Sprachschatz arbeiten und diesen ständig hinterfragen und korrigieren. Die Sprache bestimmt das Denken ! Doch aufgepasst: „Sondervermögen“ „Remigration“ oder „Mensch mit originellem Verhalten“  tragen nicht zur Bereicherung der Sprache bei, sondern sind Verschleierungen der wahren Denkweisen und Absichten dieser Sprach- Kreatoren. Es ist also keinesfalls einfach, einen Paradigmenwechsel zu schaffen.

Die Begriffe Takiwātanga und Aroreretini sind jedoch mehr als sprachliche Kuriositäten. Sie sind lebendige Beispiele dafür, wie Sprache Wirklichkeit erschafft – und wie wir durch einen bewussten Sprachgebrauch eine inklusivere und menschlichere Welt gestalten können, in der Unterschiede nicht als Makel, sondern als Bereicherung gesehen werden. Das macht uns Mut.

Danke Michael für die Anregung zu diesem Text.

Die Inhalte dieses Beitrags sind weder medizinisch noch psychotherapeutisch oder pädagogisch verwertbar. Sie geben nur meine subjektiven persönlichen Erlebnisse oder Erfahrungen wider. Für Diagnostik und Therapie suchen Sie bitte fachlich geeignete Personen auf. Fragen Sie dort Erfahrungen im Bereich Autismus und ADHS nach.


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